Laptopsingen am Morgen (2)

Koch Dir einen starken Kaffee mit viel Milch, setz Dich vor den Laptop und höre ein bisschen Musik zum Mitsingen:

Er ist alt geworden, der Steve, aber er singt immer noch so zeitlos schön wie damals einen meiner absoluten Lieblingssongs: https://www.youtube.com/watch?v=VT-SFgkVlno

Und sie kann mich immer noch vom Hocker reißen, ich muss aufpassen, meinen Kaffee nicht zu verschütten: CHAKA! https://www.youtube.com/watch?v=5MIUi3xoyrk

Später dann draußen auf dem Weg zur Arbeit, mit der Erde unter meinen Füßen, Wind im Rücken und Feuer unterm Hintern kann ich dann richtig loslegen: https://www.youtube.com/watch?v=fuDF_f_qpuI

Das Erben (4)

Die Einigung

Zwei weitere Monate vergingen, es waren inzwischen 18 Monate seit dem Tod unserer Mutter ins Land gegangen. Die Mieter bewohnten weiterhin unser Haus, meine Schwester und ich unternahmen keine weiteren Versuche mehr, es zu verkaufen, solange die Mieter nicht ausgezogen waren.

Die Vollstreckungsstelle meines zuständigen Finanzamts brachte wieder Bewegung in unsere Erbauseinandersetzung, als es eine  Vollstreckung von aufgelaufenen Steuerschulden ankündigte. Ich konnte den zuständigen Beamten noch eine Weile hinhalten mit der Information, dass ich Hauserbin geworden sei und mitten in einem Erbstreit stecke, nach dessen Ende ich dann hoffentlich bald wieder zahlungsfähig sei. Es musste also etwas geschehen, bevor ich schachmatt sein würde.

Nach einer schlaflosen Nacht voller Sorge über mögliche unangekündigte nächste Schritte des Finanzamts (wer sich damit auskennt, weiß, dass eine Vollstreckungsstelle jederzeit Maßnahmen ergreifen darf, die einem Raubüberfall oder einer Erpressung gleichen, um an Ihr Geld zu kommen), signalisierte ich schließlich meiner Schwester, dass ich bereit sei noch ein letztes Mal über ihr Angebot einer Auszahlung meines Erbes zu verhandeln. Wir telefonierten sogar wieder miteinander. Sie war nicht bereit, sich auf einen Betrag in der Mitte zwischen ihrem Angebot und meiner Forderung zu einigen, auch nicht darauf, ein Drittel meiner Forderung in angemessenen Raten auszuzahlen. Wir trafen uns zu einem Gespräch bei meinem Anwalt, der hervorragend moderieren konnte, bei dem sie mir einen Schritt entgegen kam und mir eine kleine Erhöhung ihres ersten Angebotes anbot, so dass ich etwas mehr als ein Viertel des ermittelten Wertes ausbezahlt bekommen sollte. Mir blieb schließlich nichts anderes übrig, als darauf einzugehen. Mit meinen Bedingungen der Zahlungsmodalitäten war sie schließlich einverstanden: eine erste Teilzahlung per Scheck zum Ersten des Monats, Aufteilung des beweglichen Nachlasses unserer Mutter noch vor Übergabe des Hauses, Vertrag beim Notar und zweite Teilzahlung bis zum Ende des Monats.

Endlich konnte ich wieder ruhig schlafen, die Zeit des Kampfes war vorbei. Eine Aufteilung des beweglichen Nachlasses unserer Mutter bereitete mir kein Kopfzerbrechen, weil wir ihre Ersparnisse ohnehin für die Beerdigungskosten aufgebraucht hatten und Mutter keine Reichtümer hinterlassen hatte. Meine Schwester und ich trafen uns an einem schönen Sommertag in der alten Wohnung. An ihrer angespannten Erwartungshaltung war zu spüren, dass sie sich für eine letzte Auseinandersetzung gewappnet hatte. Wir breiteten die Siebensachen unserer Mutter auf dem Boden aus, setzen uns, wie wir es als Kinder beim Spielen getan hatten, auf den Teppich und wurden uns schnell einig, da ich fast ausschließlich Interesse am Nachlass meiner Großmutter hatte und meine Schwester lieber die persönlichen Gegenstände meiner Mutter behalten wollte. An einem Nachmittag war alles aufgeteilt. Meine Schwester war angenehm überrascht, wie einfach plötzlich alles war. Den Sperrmüll aus der alten Küche stellten wir noch am selben Tag gemeinsam zur Abholung an die Straße. Mutters Möbel ließen wir in der Wohnung stehen und ich überließ es meiner Schwester, darüber zu verfügen, da sie offenbar daran hing. Ihre Kleidung nahm ich mit (und bewahrte sie danach sieben Jahre lang in meinem Keller auf, unfähig sie einfach wegzugeben, weil Mutter immer viel Wert auf schöne Kleidung in guter Qualität gelegt hatte).

Zur vertraglichen Übergabe des Hauses an meine Schwester reiste ich an ihren Wohnort und traf mich mit ihr bei einem Notar. Den Vertrag hatte mein Anwalt bereits geprüft, es gab keine Fragen mehr zu klären, es ging nur noch um die Unterzeichnung einer Urkunde. Wir waren beide etwas aufgeregt, die Hand meiner Schwester zitterte leicht, als sie die Urkunde unterschrieb. Nach der Unterzeichnung sah sie stolz und glücklich aus, nun endlich das Haus ihrer Kindheit zu besitzen und ich war erleichtert, einen Scheck in Händen zu halten. Wir konnten uns also wieder die Hand reichen, sie fuhr mich zum Bahnhof und wir verabschiedeten uns freundlich voneinander.

Am Bahnhof kaufte ich mir eine Flasche Cognac. Zuhause am Abend  betrachtete ich sehr lange das alte Foto unserer Eltern von ihrer Verlobung und trank zusammen mit meinem Liebsten ein paar Gläser mit Blick auf die beiden, traurig und in Tränen aufgelöst. Mit einem letzten Rest Wut, einer großen Portion Selbstmitleid und gleichzeitig ungeheuer erleichtert hob ich ein letztes Glas für meine Eltern: „Prost Mutti, Prost Vati! Ihr beiden Kindsköpfe habt Euren Kindern ein schwieriges Erbe hinterlassen. Wir mussten Euren vor mehr als 50 Jahren begonnenen Kampf um Geld und unerfüllte Liebe ausfechten. Jetzt ist es endlich vorbei!“, und trank es in einem Zug leer.DSC01907

 

 

Urlaub zuhause

Endlich Urlaub, kostbare zwei Wochen. 14 ganze Tage und Nächte! Nur eine kleine Hürde muss überwunden werden, bis sich auch das passende Gefühl dazu einstellt, die geschenkte Zeit auch genießen zu können; denn wir werden definitiv nicht in den Urlaub fahren, sondern zuhause bleiben.DSC01857Ja und? Wo ist das Problem? Carpe Diem, das geht auch ohne Reisebuchung und Ferienpass. Ich bin schließlich ein Kind der sechziger Jahre, da fuhr in unserer Straße kaum jemand in den Urlaub, da gab es nur Ferien für die Kinder. Mit Ausnahme von Oma und Opa, die reisten im Sommer immer mit der Eisenbahn eine Woche in die Alpen nach Bayern oder Österreich. Und die Barbara, deren Vater ein Herrenausstattungsgeschäft betrieb, die fuhr im Sommer immer zwei Wochen nach Scharbeutz an die Ostsee. Uuhh, so weit weg, muss das schick sein, dachten wir. (Später haben wir uns Scharbeutz dann einmal angesehen, so dreißig Jahre später, und sehr schnell festgestellt, dass ich nichts verpasst hatte.)

Und außerdem, wir wohnen schließlich in Hamburg, in der Stadt, die momentan total angesagt ist. Massen von Touristen bevölkern die Innenstadt, die Hafenfähren, die neue Hafencity und die Speicherstadt. Alle wollen sie unsere geile City angucken. Und wir haben alles direkt vor der Haustür. Ich muss nur die Brennweite meiner Augen etwas verändern, mich aufs Fahrrad schwingen und kann hinfahren wo ich will. Ich kann z.B. im Rathausinnenhof (http://www.hamburg.de/oeffentliche-plaetze/4258240/hamburger-rathaus-innenhof/) sitzen und mir den Springbrunnen anschauen, vor dem sich die chinesischen Touristen immer mit oder ohne Selfiestange fotografieren, und wenn ich Lust habe, stecke ich meine nackten Füße ins kühle Wasser.

Kultur oder Strand, Essen und Trinken, ich wüsste nicht, was es nicht auch in Hamburg zu entdecken gibt, was im Urlaub an fremden Orten so reizvoll ist. Die Hafenfähren fahren im 15 Minutentakt. Wollen Sie wissen, wie es am  Bubendey Ufer (http://www.hamburgsbruecken.de/bubendey-ufer/) aussieht, wo selten jemand ein- oder aussteigt? Dort findet man Motive, wo verwilderte Natur und Hafenästhetik nah beieinader liegen.

DSC01861DSC01873DSC01879DSC01882DSC01868DSC01883Oder möchten Sie sich abkühlen und in der Sonne liegen? Mit der nächsten Fähre fahre ich bis zur Endstation und gehe schwimmen in meinem Lieblingsfreibad (http://www.baederland.de/bad/finkenwerder.html). Da haben sie den kleinen Imbiss renoviert, ein Zeltdach davor aufgestellt, einen besseren Lautsprecher angeschafft, aus dem spanische Popmusik ertönt. Der Kaffee ist ganz passabel, die Currywurst lässt man besser weg, weil sie sie in heißem Fett frittieren, aber die Pommes und der Nudelsalat schmecken großartig. Es ist Platz genug für alle, selbst bei großer Hitze ist es nie überfüllt. Ich möchte nicht wissen, wie voll die Strände auf Mallorca jetzt sind.

Am Fischmarkt gibt es Mittagstisch für Einheimische und Touristen in der Eckkneipe neben dem Schellfischposten, hausgemachte leckere Suppen zu moderaten Preisen. Gegenüber von der Fischauktionshalle bietet die Elb-Perle (http://www.elb-perle.de/index.php/kontakt) portugiesische Tapas gegen den kleinen Hunger. Sightseeing am Fischmarkt, sind Sie schon einmal im Stilwerk (http://www.stilwerk.de/hamburg) mit dem gläsernen Fahrstuhl bis in den fünften Stock gefahren? Dort kann man sich beim Gehen durch die Stockwerke nach unten die Nase an den Schaufenstern der Designläden platt drücken oder nur einen kurzen Blick in die Läden werfen und dann mit dem Kopf schütteln oder vor Entzücken seufzen. Minimalismus ist out, es lebe der barocke Stilmix. Im Frischeparadies (http://frischeparadies.de/frischeparadies-maerkte/hamburg.html) an der Großen Elbstraße kann man ausgesuchte Köstlichkeiten kaufen, z.B. frischen Rotbarsch, alte Tomatensorten aus den Vierlanden, Reblochon-Käse und ein paar Leckereien aus dem Angebote-Korb, spanische Nussschokolade und türkischen Honig, für das Menue am Abend.

Und wenn es doch ein echtes Meer sein muss, kann man nach zwei Stunden Fahrt am Ostseestrand liegen oder auf einem Nordseedeich spazierengehen, dafür brauche ich nicht nach Mallorca oder auf die Kanaren zu fliegen. Sonntagnachmittag waren wir auf Fehmarn (http://www.hafen-orth.de/), mal eben, weil Sommer ist und wir Lust dazu hatten. Zwei Stunden Fahrt mit dem Auto hin und zwei Stunden wieder zurück. Ja und? Amis fahren in ihren Autos mal eben zwei Stunden zum nächsten Supermarkt. Unser Lieblingsstrand war trotz Hochsaison fast leer, weil alle Feriengäste schon wieder auf dem Weg zu ihren Quartieren waren, pünktlich um 18:00 zum Abendbrot. Unser Abendbrot hatten wir dabei, mit Thermoskanne voll Kaffee.  Das Wasser war durchsichtig, keine Quallen. In Englisch heißt das Geräusch, das die Wellen an einem steinigen Strand machen „swoosh“. Es swooshte die ganze Zeit und die Sonne schien noch sehr warm von Westen. Am kleinen Hafen war sogar noch ein Parkplatz frei für uns. Eine kleine Runde zu Fuß ums Dorf sind wir spaziert, um zu gucken, welche Häuser inzwischen abgerissen und welche neuen dazu gekommen sind. Das Surfercafé hinter den großen Linden ist noch da. Die Schwalben sausen immer noch zwitschernd zwischen den Häusern hindurch und flach übers Wasser im Hafenbecken. Wenn wir im Lotto gewinnen, kaufen wir die Ferienwohnung im Parterre am Wasser, die seit Monaten leer steht. Oder doch lieber ein Campingmobil, mit dem man hinfahren kann, wo und wann man Lust hat? DSC06076DSC07108Morgen werde ich in der Schanze mit einer Freundin zusammen frühstücken und nachmittags nach Lüneburg fahren, um mit einer anderen im Buchenwald an der Ilmenau spazieren zu gehen. Ferien ist nur ein anderes Wort für Freiheit, und in Urlaub fahren, das können die anderen meinetwegen gerne tun. Ich brauche das nicht.

Stellenkarussell

Und da arbeite ich seit über 20 Jahren in meinem Job und eigentlich kann mich gar nichts mehr wundern oder erschüttern, wir arbeiten schließlich alle mehr oder weniger in einem großen Irrenhaus, das sich Arbeitswelt nennt. Es tummeln sich vornehmlich Strombergs und Piёchs in den Führungsetagen, die ihren Mitarbeitern das Leben schwer machen anstatt selbst gute Teamplayer zu sein und den vielen motivierten KollegInnen auf Augenhöhe zu begegnen. Und doch, es ändert sich gerade wieder etwas in unserer Institution und ich verspüre eine gewisse Aufregung, fast wie bei einem Neuanfang. Gar nicht so übel, wenn man sich ein bisschen „abgemuckt“ fühlt nach so vielen Jahren der Routine.

Die Büroräume und Kolleginnen, mit denen ich sie teilte, haben schon ein paar Mal gewechselt. Der derzeitige Raum, in dem ich immerhin ein Drittel des Tages verbringe, ist mir ans Herz gewachsen, und für manche Kollegin empfand ich mehr als bloße Kollegialität. Zum Beispiel die letzte, die B., die 6 Monate rechts von mir saß und dann doch keinen Vertrag bekam, obwohl sie sich bewundernswert schnell mit meiner Hilfe eingearbeitet hatte und von Januar bis Ende Juni mal eben 4 Veranstaltungen mit 300 Teilnehmern organisiert hat. Ich vermisse B. und unsere Gespräche über Gott, Kinder, Politik, Psychologie und die Welt. Und auch das gemeinsame Lachen über komische Situationen oder merkwürdige Kollegen. Was haben wir geklotzt, um den liegen gebliebenen Berg von Arbeiten abzuarbeiten, uns jeden Tag mit dem alten Apple Rechner herumgeschlagen, der so ganz anders funktioniert als unsere gewohnten PCs mit Microsoft Office! Irgendwann haben wir es aufgegeben, den Explorer zu suchen und uns nur noch mit dem MAC Finder alte Dateien aus dem Wust von Dateien gesucht, um sie dann für das laufende Jahr zu überschreiben. Zugegeben, das ging nicht ohne fette Schnitzer aus, z.B. eine alte Rechnungsdatei mit veralteter IBAN in der Fußleiste. Man stelle sich vor, an 50 Leute Rechnungen zu schicken, von denen 30 dann verzweifelt versuchen, die zurück kommenden Überweisungen erneut abzusenden. Und erst das Theater, als der Chef ein fehlendes Logo eines wichtigen Sponsors im Veranstaltungsflyer übersehen hatte und meine Kollegin natürlich die Schuld dafür bekam und er sie vor versammelter Mannschaft während einer Registrierung mit zahlreichen wartenden Teilnehmern einer Veranstaltung zur Schnecke machte. Was soll’s, alle Menschen machen Fehler!

Wie froh war ich, dass ich den Job der Kollegin nicht zusätzlich zu meinem machen musste, zumal der dazugehörige Chef, der seit Juli im Ruhestand ist, zur Kategorie „Mimose mit Perfektionsanspruch und autoritärem Führungsstil“ gehörte. Die B. und ich waren ein selten gutes Team, bis sie eines Tages Ende Juni von einem Gespräch mit der Firmenleitung kam und wie vom Donner gerührt berichtete, dass sich eine Bewerbungskommission „leider“ für eine neue Kollegin entschieden habe. Wir waren beide davon ausgegangen, dass sie einen festen Vertrag statt vorübergehendem Honorarvertrag bekommen sollte. Sie hatte sogar bereits einen vorläufigen Vertrag unterschrieben, bis der Geschäftsleitung aufgefallen war, dass ja „ups“ gar keine reguläre Stellenausschreibung vorausgegangen war. Tja, und so kam es, dass die B. Ende letzten Monats gehen musste. Mein wütendes Schimpfen nütze gar nichts, als ich zum Big Boss ins Zimmer ging, wo er mit dem deprimiert dreinblickenden Geschäftsführer zusammen saß, der – wie immer in solchen Fällen – die Schuld wegen dieses Verfahrensfehlers bekam. Die B. ist mit einem Anwalt befreundet, die Geschäftsleitung hat am Monatsanfang ein nettes Schreiben bekommen. Selber Schuld, geschieht ihnen recht!

Also muss ich mich ab dem 1.9. auf eine neue Kollegin  einstellen, der Name wurde schon durchgegeben, eine Frau W. mittleren Alters, mit Kindern. Bekanntlich bestraft der liebe Gott kleine Sünden sofort, denn letzte Woche kam die Hiobsbotschaft, Frau W. habe abgesagt, sie habe genau wie die zweite in Frage kommende Kandidatin aus der Bewerberrunde bereits etwas besseres gefunden. Und meine bisherige Kollegin B. kommt ja wohl nicht mehr in Frage nach der peinlichen Beendigung ihrer Honorartätigkeit, nehme ich mal an.

Und nun….? Ein paar Nächte lang habe ich mir die Frage gestellt, ob ich erneut dazu bereit bin Kollegin Nr. 4 einzuarbeiten, die uns dann nach einiger Zeit wieder verlassen muss. Bin ich nicht! Inzwischen ist mir der Job genauso vertraut wie meiner, ich habe die Faxen dicke und mache den Job lieber selbst. Natürlich muss ich dann die Hälfte meiner Arbeitsbereiche abgeben, damit das organisatorisch zu schaffen ist. Gedacht, getan, letzten Freitag hat die komplette Geschäftsleitung sowie der zum Job dazugehörige neue Chef, mit dem ich seit über 10 Jahren in einem anderen Bereich zusammenarbeite und bestens kenne, von mir ein Angebot bekommen, den Job zu übernehmen. Eine neue Kandidatin soll morgen ausgesucht werden, die müsste dann meinen halben bisherigen Arbeitsbereich übernehmen.

Man kann gespannt sein, was daraus wird. Erfahrungsgemäß werden besonders wohlüberlegte, konstruktive Zwei-Fliegen-mit-einer-Klappe-Vorschläge der Mitarbeiter entweder nicht verstanden, ignoriert oder schamlos ausgenutzt. Oder es gibt plötzlich unüberwindbare bürokratische Hindernisse wie alte Stellenbeschreibungen, oder irgendwem ist mein Vorschlag nicht opportun?

Wenn die Geschäftsleitung meinen Super-Vorschlag ablehnen sollte, werde ich die neue Kollegin leider etwas unterkühlt einarbeiten müssen. Ich werde sie freundlich begrüßen, auf den Rechner neben mir weisen, ihr das Passwort geben, ihr viel Spaß bei der Arbeit wünschen und schweigend meiner eigenen Arbeit nachgehen. Meine Sprechzeit für Fragen aller Art wird dann nachmittags ab 14:00 Uhr sein, für eine Stunde oder so.

Wie ich mich kenne, werden wir spätestens am dritten Tag die Fotos unserer Kinder austauschen und uns unsere Lebensgeschichte erzählen.

Brunhildes Abschied (3)

DSC07265Nachdem wir das Krankenhaus verlassen haben, entschließen der Schwager, die Schwägerin, der Liebste und ich uns, Hildes Lebensgefährten W., der das Krankenhaus bereits eine Stunde früher verlassen hat, hinterher zu fahren in das Dorf, in dem die beiden fast 30 Jahre lang zusammen gelebt haben.

Es fällt uns schwer die Wohnung durch die Haustür zu betreten, in der sie uns immer empfangen hat, ich vermisse sie jetzt schon. Die Raumluft riecht leicht abgestanden, die Räume wirken traurig und verlassen, etwas unordentlich, weil W. täglich ins Krankenhaus gefahren ist und keine Kraft zum Aufräumen hatte. W. ist noch sichtbar erschüttert und redet sehr viel, von Schluchzen unterbrochen, von den letzten beiden Nächten, die sie zusammen im Krankenzimmer verbracht haben, von Hildes drittem und viertem Herzinfarkt und den vergeblichen Wiederbelebungsversuchen der Ärzte. Wir hören ihm lange zu und unterbrechen ihn erst nach einer Stunde, um über die Beerdigung zu sprechen. Er möchte sich darum kümmern, wir bieten ihm unsere Hilfe an. Er brauche keine Hilfe, er kenne einen Beerdigungsunternehmer vor Ort und könne das allein regeln.

Mein P., Hildes Sohn, traut sich als einziger das Thema  Hildes Nachlass anzusprechen. Hilde habe ihm ein paar Tage vor ihrem Tod gesagt, wo ihre Handtasche stünde, in der sie ihre Papiere, das gesparte Geld für eine Beerdigung und ihren Schmuck aufbewahrte: “Wo ist denn diese Tasche, W., und wieviel Geld hat sie hinterlegt?” W: “Ach das weiß ich nicht, ich hab’ natürlich auch noch gar nicht geluschert in den letzten Tagen, als es ihr so schlecht ging.” P. bleibt hartnäckig: “Wieviel, W.?” W. weicht aus und gibt vor, das nicht genau zu wissen und bekräftigt noch einmal, dass er sich um die Beisetzung kümmern werde. Hilde habe ja eine Einäscherung und eine anonyme Beisetzung ihrer Urne auf dem Dorffriedhof gewünscht, und so sollten wir das auch machen. Keine Trauerfeier, keine Karten, ganz einfach.

In mir rebelliert es, ich möchte eine schöne Trauerfeier für Hilde im Dorf organisieren. Ich möchte alle, die sie kannten und mochten, einladen, eine Rede halten, mit allen zusammen Kaffee trinken. Ich sage nichts, ich bin nur die Schwiegertochter, sollen meine Schwägerin und mein Liebster, ihre Kinder, das entscheiden. Die beiden vermeiden es, so kurz nach Hildes Tod ein Streitgespräch mit ihrem Lebensgefährten anzufangen, um ihn und sich selbst zu schonen, der Frieden und die Liebe zu Hilde im Abschiedszimmer schwingt noch nach, als wäre sie noch da. Wir verabschieden uns an der Haustür und bitten W. sich telefonisch zu melden, sobald er genaueres zur  Einäscherung und zur Beisetzung sagen könne.

Wir warten einige Tage ab, aber W. meldet sich nicht. Immer wenn wir anrufen, ist er nicht zuhause. Ich habe mir den Namen des Beerdigungsunternehmers gemerkt und mache ihn im Internet ausfindig. Wir teilen ihm per Fax mit, dass Hildes Kinder die gesetzlichen Erben seien und gern wüssten, was W. in Auftrag gegeben habe. Der Undertaker ruft zurück und berichtet, dass W. ihn beauftragt habe und nennt uns den wahrscheinlichen Einäscherungstermin. Er sehe kein Problem darin, dass ihr Lebensgefährte den Auftrag erteilt habe, obwohl er nicht mit der Verstorbenen verheiratet gewesen sei. Nun, gut, so läuft das wohl auf dem Dorf, denke ich.

Nach einer Woche haben wir W. immer noch nicht erreicht, er will offenbar im Alleingang eine Beisetzung organisieren und denkt gar nicht daran, Hildes Nachlass zwischen sich und ihren Kindern aufzuteilen. Wir beschließen ihm einen Brief zu schreiben, in dem wir die Gegenstände aufzählen, die wir gerne bekommen würden. Ich habe ein ungutes Gefühl und spüre jetzt schon den tiefen Graben, der sich zwischen uns Kindern und W. auftut, schicke den Brief aber trotzdem ab.

W. meldet sich weiterhin nicht, bis ich ihn anrufe. Er versucht mir weiszumachen, dass es dem Beerdigungsunternehmer am liebsten sei, wenn die Beisetzung im ganz kleinen Kreis stattfände, nur er allein und der Mitarbeiter (will heißen, wir bräuchten nicht zu kommen). Zu unserem Brief sagt er nichts, bestätigt nur dass er ihn bekommen habe. Einen Tag vor der Urnenbeisetzung ruft uns der Undertaker an und teilt uns die Uhrzeit mit: am nächsten Morgen 9:00 Uhr. Der W. rechnet wahrscheinlich damit, dass wir zu der frühen Tageszeit nicht aus Hamburg anreisen können (da hat er sich aber geirrt). Ich teile dem Beerdigungsunternehmer mit, dass er bitte eine kurze Zeit am Grab für eine kleine Rede, die ich halten würde, einplanen solle. Hildes Tochter und der Schwager beschließen, nicht zur Urnenbeisetzung zu fahren, sie ahnen nichts Gutes und begründen ihren Entschluss damit, dass sie sich ja bereits von Hilde verabschiedet hätten.

Am nächsten Morgen stehen der P., unser Sohn und ich in aller Herrgottsfrühe auf und fahren über die Autobahn ins Dorf nach Niedersachsen. Wir brauchen den Friedhof glücklicherweise nicht lange zu suchen. Die Sonne steht schon strahlend am Himmel und alle Vögel auf dem Friedhof zwitschern nach Leibeskräften. Wir sind einigermaßen überrascht, dass dort eine Beerdigungsgesellschaft auf dem Friedhofsparkplatz auf uns wartet, ungefähr 20 Personen, Freunde und Nachbarn aus dem Dorf, der Undertaker im schwarzen Anzug mit ausdruckloser Mine und übereinandergeschlagenen Händen steht in einigem Abstand daneben.

W. hat einen ziemlich roten Kopf und sieht uns grimmig an, obwohl wir pünktlich sind. Ich begrüße niemanden mit Handschlag, sondern gehe direkt auf W. zu: “Schönen Gruß von K. und P., sie können heute leider nicht dabei sein.” W. antwortet vorwurfsvoll: “Der Beerdigungsunternehmer hat mir gesagt, dass Du eine Rede halten willst, aber jetzt ist es schon 9:00 Uhr! Die Beerdigung sollte wegen Deiner Rede doch um 8:45 anfangen.” Ich entgegne: “Er hat uns gestern mitgeteilt, dass die Beisetzung um 9:00 beginnt, und es ist jetzt 9:00 Uhr!? Das ist ja wohl ein Missverständnis!”

Dann klappt W. das Heck seines Geländewagens auf und hält dem P. eine Plastikkiste mit Hildes Nachlass entgegen. Unser Sohn verfolgt das Geschehen mit gespanntem Interesse, die Spannung steigt. P. sagt, “ach W., was soll denn das jetzt, die Übergabe können wir doch später in Ruhe bei Dir zu Hause machen!” W. schnaubt vor Wut und sagt erregt und laut hörbar für alle: “Das kommt nicht in Frage, lieber stelle ich die Kiste irgendwo am Wegrand ab! Den ganzen Tag habe  ich gestern gebraucht, um die Sachen zusammen zu suchen, hier, würdest Du mir das bitte quittieren?” und hält dem P. eine Liste mit den Gegenständen unter die Nase. P. macht einen letzten Versuch, den W. zu besänftigen. Ich versuche derweil mit zitternden Fingern Schwager und Schwägerin telefonisch zu erreichen, um sie um ihr Einverständnis zur Unterschrift zu bitten. Das regt W. noch mehr auf und er fasst sich theatralisch ans Herz und stöhnt. W.s Tochter, die wir 30 Jahre lang nicht gesehen haben, kommt näher und pöbelt uns an, eine Nachbarin mischt sich lautstark ein: „Wie könnt ihr so mit einem alten Mann umgehen, das ist ja wohl das Letzte, nun nehmt doch endlich die Kiste an!“ Ich erreiche endlich Schwager und Schwägerin telefonisch. Sie sind einverstanden, schließlich unterschreibt P. die Quittung und wir laden die Kiste ungeprüft in unser Auto um. Ich schwitze und bemerke, dass meine schwarze Hose viel zu kurz ist, und man die weißen Socken, die ich heute Morgen eilig angezogen habe, sehen kann. Ich rücke meine Kleidung zurecht und sehe mich in der Runde um.

Der Undertaker schaut inzwischen nervös auf seine Uhr und drängt, die Beisetzung zu beginnen. Die Gesellschaft schreitet mit schnellen Schritten voran zum Grab und versucht uns abzuhängen, wir drei gehen unbeirrt hinterher und stellen uns dicht an das vorbereitete Urnengrab, direkt gegenüber der feindselig gestimmten bis peinlich berührten Dorfgruppe. Der Undertaker gibt mir ein Zeichen, ich hole tief Luft und lese meine Rede mit fester Stimme von einem Zettel ab. Es geling mir, während meiner Rede kleine Pausen zu machen, nicht zu weinen anzufangen und W. direkt in die Augen zu sehen:

Liebe Hilde,
Du bist sehr alt geworden, in diesem Jahr fast 87. Du hattest es in Deiner Jugend wie so viele Deiner Generation nicht leicht. Vor dem Krieg bist Du bei Deinen Großeltern in Mecklenburg aufgewachsen. Deine Mutter hatte Arbeit in Hamburg gefunden und besuchte Dich so oft es möglich war. Nachdem Deine Großmutter gestorben war, musstest Du mit Unterstützung durch eine Großtante eine Weile allein bei Deinem Großvater leben. Nach dem Tod des Großvaters holte Deine Mutter Ida Dich zu sich nach Hamburg. Auf einem der wenigen Fotos aus dieser Zeit stehst Du zusammen mit Deinem kleinen Bruder zwischen Deiner Mutter und Deinem Stiefvater und schaust stolz in die Kamera. Du hast mal gesagt‚ `’meine Mutter hat mich immer gut behandelt’.

Die Bombennächte im Zweiten Weltkrieg verbrachte Deine Familie in einem Keller in Altona, bis ihr ausgebombt wurdet. Du gingst zur Schule und hast Dein Pflichtjahr abgeleistet. Kurz vor Ende des Krieges starb Dein Verlobter, Deine erste Liebe, dessen Kind Du unter dem Herzen trugst. Nach dem Krieg verliebte sich der Kriegsheimkehrer Bruno in Dich, der Deine kleine Tochter als “wunderbar” und nicht als Hindernis für eine Heirat empfand. Dann bekamen Bruno und Du noch eine Tochter Brigitte, die nach einigen Monaten an einer Lungenentzündung starb, und später einen Sohn, Deinen P.. Die englische Besatzungsbehörde wies Deiner kleinen Familie ein Zimmer mit Ofen in einer Villa in Bahrenfeld zu, bis ihr endlich nach zwei/drei Jahren in die ersehnte Neubauwohnung in Eimsbüttel umziehen konntet. Bruno hatte eine feste Anstellung als Maskenbildner an einer staatlichen Bühne gefunden und Ihr habt zusammen bis in die siebziger Jahre in dieser Wohnung gelebt.

Du hattest mit Bruno ‘einen guten Mann’, wie Du später einmal sagtest. Er brachte regelmäßig das verdiente Geld nach Hause und lieferte es bei Dir ab, zumindest den Teil, der nach seinen Kneipenbesuchen übrig geblieben war. Du hast Dich um Eure Kinder gekümmert und den Haushalt geführt. Dein kleiner P. war in den ersten Jahren ständig krank. Als er 2 Jahre alt war, musstet ihr ihn für einige Monate in eine Lungenklinik bringen, und als Dein Kind sich schließlich weigerte Nahrung aufzunehmen und die Klinik Dich darauf vorbereitete, dass er womöglich bald sterben würde, hast Du ihn auf eigene Verantwortung wieder nach Hause geholt und mit Deiner Liebe wieder aufgepäppelt.

Deine Tochter K. brachte dann eines Tages ihren liebenswürdigen Verlobten P. mit nach Hause. Der hatte ein Auto, und so konnte die Familie kleine Ausflüge in die Umgebung von Hamburg machen und in den Sommerferien an einem kleinen See zelten.
Dein zweiter Sohn Michael kam 10 Jahre später zur Welt und sollte Dir später noch einige Sorgen bereiten. Deine große Tochter war aufgeweckt und lieb und war Dir eine große Hilfe und Dein P. war ein ruhiges, anhängliches Kind, Dein quirliger Nachzügler jedoch hielt die ganze Familie mit seiner Lebhaftigkeit in Atem. Dein Bruno wurde krank und Du konntest ihm nicht helfen, als er sich langsam zu Tode trank. Du musstest durchhalten und etwas dazu verdienen und nahmst eine Teilzeitbeschäftigung in einer benachbarten Wäscherei an.

Das Leben ging weiter, und dann hast Du Dich in einen Arbeitskollegen Deines Mannes, in Deinen W., verliebt. Als Deine Kinder erwachsen waren und W. in den Ruhestand ging, seid ihr hierher gezogen. Dein Leben wurde endlich ruhiger, die Sorgen wurden weniger, ihr beiden habt einen großen Garten zur Selbstversorgung angelegt und Euch gut im Dorf eingelebt. Ihr habt viele schöne Ausflüge gemacht und nette Bekannte kennen gelernt. Du hast nur ab und zu die Großstadt und Deine Kinder und Enkel vermisst, aber Du hast gesagt, Du seist glücklich und zufrieden mit Eurem Leben auf dem Lande. Und wir haben Dich immer gern zu Geburtstagen und an Weihnachten besucht und Deine und W.s großzügige Gastfreundschaft genossen.

Jetzt hast Du genug gegeben, liebe Hilde, Du bist auf die große Reise gegangen. Ich werde Dein freundliches Lächeln, Deinen Gleichmut und Deine Wärme nie vergessen. Und auch nicht Deinen würdevollen und friedlichen Gesichtsausdruck auf Deinem Totenbett! Leb wohl!DSC07269Nach meinem letzten Satz schießen mir doch Tränen in die Augen und P. nimmt mich in den Arm. Unser Sohn findet die Rede gelungen und zwinkert mir aufmunternd zu. Der Undertaker sagt noch einige respektvolle Worte am Grab und lässt die kleine metallene Urne mit Hildes Asche in das von lächerlichem Kunstrasen umgebene, tiefe Loch  fallen. Wir legen unsere Blumen daneben, schweigen noch eine Minute und gehen dann zurück zum Parkplatz.

W. ist immer noch wütend auf uns und sagt laut hörbar: “Dass ihr Eurer Mutter das antut, Euch hier so aufzuführen. Was hat sie mir nicht alles erzählt in der letzten Nacht von Euch, darunter hat sie die ganzen Jahre so gelitten….”. Er fängt an aufzuzählen, was sie erzählt habe. Ich werde langsam ungehalten und zische eisig in seine Richtung: “Du lügst!!” Er dreht sich zur Beerdigungsgesellschaft um, die dem Spektakel die ganze Zeit interessiert zuschaut, und ruft laut in die Runde: “Hört ihr, sie beschuldigt ihre Mutter der Lüge!” Ich lasse das nicht unwidersprochen und hebe meine Stimme während ich nicht weit von W. in unser Auto einsteige: “Hilde lügt nicht, DU LÜGST!!” Wir fahren davon und sind froh, der hässlichen Szenerie auf dem Friedhofsparkplatz zu entkommen. Unser Sohn ist sprachlos, diese Seite von Opas Charakter kannte er noch nicht. Er beschließt, ihn nie mehr wieder sehen zu wollen. Wir fahren schweigend nach Hause.

Später in der Wohnung von Schwager und Schwägerin sehen wir uns Hildes Nachlass an, ein Sparbuch, einige Andenken aus ihrer Wohnung, einige Schmuckstücke, eine alte Brille und einige für uns sehr kostbare Familienfotos hat W. in die Kiste hineingelegt. Es fehlen die wertvolleren Schmuckstücke aus Gold. Ach, soll der W. doch das Gold behalten oder zu Geld machen. Er wird es nötig haben, jetzt wo er allein von seiner kleinen Rente muss!

Hildes Schätze stehen jetzt auf meinem Bord an der Wand und ich schaue sie an, wenn ich frische Blumen neben ihr Lieblingbild stelle und an sie denke.DSC07282 Manchmal frage ich mich, ob ich den hässlichen Streit zwischen ihrem Lebensgefährten und uns Kindern nicht hätte verhindern können, den Hilde in all den Jahren immer gefürchtet hat. Wir haben uns dreißig Jahre lang Mühe gegeben uns zurückzuhalten, um W. gewähren zu lassen und jeden Streit zu vermeiden, damit Hildes Gefühl zwischen den Stühlen zu sitzen und sich entweder für ihren Lebensgefährten oder ihre Kinder entscheiden zu müssen, erträglich wurde. Ich bin ihr sehr dankbar für ihre klaren Worte bei meinem letzten Besuch im Krankenhaus: „Um W. braucht ihr Euch nicht zu kümmern, das kann seine Tochter machen!“ Und so ist es geschehen. Wir haben bis heute kein Wort mehr mit ihm gewechselt und ihn nicht wieder gesehen.

 

Dear Janis (1)

Journey to Lipari (1)

I remember a sweet little girl, about 18 months old, whom I met one day in Sicily on the beautiful island where your father lives. That little girl named Janis (guess after which US singer you were named?) lived with her grandmother and step-grandfather in a new house that her grandmother had built, because her parents had separated in that summer. I think it was 1979 or so, I was 21 years old and it was my first trip to the Mediterranian at all. Your father Alvise hosted me and later my boyfriend, too, who joined us a few weeks later. This journey changed my life, because your father and my impressions of a foreign country helped me to broaden my mind.

My girlfriend Marion had promised me to hitchhike to Lipari together for two months during the summer vacation of the university. She and her best friend P. (who became my husband a few years later) had got to know your father on their trip to your island the summer before. But Marion fell in love with an Australian traveller and did not want to travel at all, and so she organized that your father came up to Northern Germany to pick me up, because travelling alone would be too dangerous for me. So, Alvise came up from Bavaria, where he had been working, and stayed in my and my boyfriend’s home for a few days, so that we could get to know each other. We liked him very much, such a kind and clever young man, who was some years older than me. He had more life experience than the greenhorn students I knew, and he could speak some German with Bavarian accent because of his seasonal work in Bavaria. He was small, had curled long black hair and John Lennon-metal rimmed glasses on his nose. I liked him very much and did not hesitate to trust him. He intended to return to Sicily together with your mother, his fiancé, and live together with her and their little daughter, as they had agreed upon before.

So, one day in early August Alvise and I said goodbye to my boyfriend and made our way to the autobahn to hitchhike to Munich, as many young people did in those days. I was a cute skinny blond student at that time and it did not take us long to find a driver who was willing to take us to Munich in one day. For me, an adventure began, because I had never been in Munich or Italy before.

When we had arrived in Munich, we went directly to the “Hofbräuhaus”, where your mother was working as a waitress in that summer. She wore a Bavarian dirndl, we came in our dirty travel clothes  with our backpacks, looking like hippies. We felt completely displaced in that location, especially me, because your mother must have thought that Alvise had an affair with the blond student sitting at the wooden table, which was not the case. Certainly, I had begun to love your father, but as a good friend, not as a lover. Your mother was embarrassed as she saw us and did not talk much to your father. I understood that she had changed her mind. Her best girlfriend, a feisty, fat and extremely dominant Bavarian, which I remember also working in that brewhouse, had convinced her that Lipari was not the right place to live for her and her little girl, although at the same time she had no means to bring her up in Munich alone. Alvise and your mother arranged, that she would come to Lipari a few weeks later to spend some time with her daughter. She said to him that it was over. Alvise was shocked und could not say a word more in those strange surroundings. We left the brewery, after we had emptied our drinks that your mother had brought us. It was very hot outside and we went to the central station to buy tickets for a train journey to Milazzo.

Alvise decided to visit an old friend of his in a suburb of Munich, who lived with his girlfriend in  an appartment in the basement of a house in a rather wealthy quarter, to ask him whether we could spend the night in their home. They were not in, Alvise had not called his friend before (in those days there were no mobile phones available). It was already late and dark and so Alvise proposed to sleep in the garden outside on their terrace in our sleeping bags. I was extremely frightened, because I feared that the neighbours would wake up or somebody might call the police, and could not sleep. After a few hours I was so tired that I rolled on my stomach and thought “well, ok, the police might come, so what? No need to be frightened, we just want to sleep here and are waiting for Alvise’s friend to arrive!” My fear vanished at once and until today I take this sleeping position whenever I want to fall to sleep at once.

The next day Alvise’s friend and his girlfriend arrived. They were not amused, behaved a little strange because they seemed to be afraid of some drug dealers of the man who might come to demand the money he owed them. We entered the house, he let the roller shutters down and we had to talk in a low voice, so that nobody in or outside the house would notice that there was somebody home. It was an extremely weird situation, I felt very uncomfortable, but trusted Alvise to make the right decisions. The Bavarian friend and his girlfriend behaved quite snotty and treated us like two poor little hippies in trouble. The stupid girlfriend never took off her wooden high-heeled clogs in the flat (I think not even in bed) and admonished us not to leave dirt on the floor or cause any other disorderliness.

We slept on our sleeping bags on the floor in the living room. Your father was so depressed that he began to cry at night and so we talked about his relationship to your mother. He told me how happy they had been together when you had been a little baby. He remembered that you had answered with cute baby sounds when they had talked to each other and to you at night. He loved his fiancé and had to realize that her love was gone. He felt betrayed and started to call all women false and “shit”. I was very sorry for him, but at the same time was excited about my personal adventure to be continued. Finally, the next morning we went to the main station and took a train to Naples.

I could not stop to look out of the window. Although the landscape was burnt from the August sun, I could see the beauty of your country which cannot be compared at all with the landscapes of my home, which are similar to England. Everything was completely different, especially the coulours of the ground, the olive trees and cypresses and the different facades of the southern houses. Behind Naples the train to Milazzo stopped every few kilometers without noticeable reason. There was a sweltering heat in the compartment, we kept mostly silent, drank water from a bottle and rolled one cigarette after another and smoked. Every once in a while your father cursed all women of the world and I protested vehemently. Sometimes we made each other laugh because of the absurdity of the situation.

It took hours after hours to get to Milazzo, we had not slept for more than 20 hours, but finally we took the Aliscafi ferry to Lipari. Late at night I saw your island for the first time and immediately fell in love with the cristal clear sea and the enchanting trees lined up at the main road of Canneto. I admired the white and pastel-coloured houses which reminded me of oriental houses. And I deeply breathed the mild mediterranian air. It seemed like an exotic paradise to me and I felt like being in a wonderful dream. In fact, I was overtired and had lost several kilos weight, felt quite weak and very exhausted.

At your father’s home it was nice and cool behind the thick walls of the basement. I walked bare feet on the filed floor and learnt to economise the precious water. There was no running tap water, it had to be pulled up with a bucket from a cistern reservoir under the house. The living room was on the first floor, it had a broad terrace on the roof of the basement to the seaside, on which you could sit and overlook the main road of the village which lead along the stony beach with some lovely blue and white fisher boats on it. I liked to sit there for hours and look to the left end of the bay where the main road slightly ascended towards the hill which seperated it from the white sandy beaches behind it, and to the right end of the bay, to a big hill between the village and downtown Lipari, the small seaport behind it. And my eyes could not get enough from the turquoise blue sea softly swooshing at the beach on the other side of the road.

On the second floor of Alvise’s house there was a one-room-appartment, where an old fisherman lived. He was sleeping almost all day long because he was fishing at night, and we had to lower our voices during daytime so that we did not wake him up. On the terrace of the house on the left there was a fat man sitting from the afternoon until late at night, being served with food by his mother from time to time, watching nosily what happened on the terrace of the “hippie’s” house next to his. He was an advocate, Alvise told me, and no, I should not ever say the word “mafioso” aloud again, whom he resembled me of.

There were some friends of Alvise coming to visit him almost every day. I got to know his best friend Galeano, who had just finished his military service, looking thoroughly fit with his cut short hair, with a broad grin like Fernandel, and his crazy younger brother Bartolino, who had long hair over his shoulders and looked rather skinny and wild, and also a shy young man from Milano who had Vitiligo, I forgot his name. They all treated me very kindly and respectfully (certainly because I was under Alvise’s protection) and I listened to their talks in southern dialect lasting for hours, from which I did not understand a word except “mintia, que biedou” or “bastardo” or “madonna”. We were hungry and Alvise asked me whether I would like to get some bread, butter and mortadella from the lady who had a shop downstairs. I practiced my first Italian sentence over and over “duocentocinquanta grammi di mortadella per favore”, went down into the shop to the signora and bought it. I was very proud that she had understood me!

The next few weeks we awaited my boyfriend to arrive and I took part in every day life, a simple life without much money. The men went to casual work or fishing at night from time to time in a lent boat. They invited me once to join them, but I was afraid to spend the night on a little boat far away fromt he coast and watch the sophisticated techniques to catch tuna or swordfish. I managed to work on some semester work instead, sitting on the terrace in the back yard and was writing a lot. Bartolino was impressed: “Mintia, lei scrivere, scrivere, molto scrivere…”. We ate tomatoes and salad from Alvise’s garden behind the house at noon and simple meals at night, sometimes pasta, sometimes lenses and rice, and shared everything. Every once in a while Bartolino stole a watermelon from a shop downtown, which we shared at night.

I enjoyed the sea in front of the house every morning and swam long distances in the beautiful clear water, sometimes even the long way to Spiaggia Bianca, never looking down, because i was a little scared of what I might see in the very deep water below. My skin bronzed very quickly and I slept a lot in the long, extremely hot afternoons in Alvise’s house, before one could leave the house at night. Alvise and his friends sometimes took me for walks together on the main road late at night when the village had gone to sleep, because in the daytime too many eyes would have watched us suspiciously. We had a lot of fun talking,  making jokes and strolling around. It was obvious, that Alvise was a fascinating outsider in the village, who had shocked the local priest once with a big fresh painting of Jimmy Hendrix on the white wall of his house, on the day when a catholic procession walked by. Alvise’s friends admired him, he was the most educated of them all, even had leather books from Dante in a shelf at the wall (although I was not quite sure whether he had read them), and Alvise somehow carried the responsibility for the kids around him, except for Galeano, who seemed to be the only one to behave as an adult.

I was quite naïve and innocent at that time and wondered why I could not take a walk alone from Canneto to Lipari town whithout being stalked by young men in their little Fiats or on their motor cycles, even little boys making dirty comments, which I did not understand but which were clear.  I realized after a while that a single unattended girl walking outside in the village was an absolute exception in those days. Reputable girls did never ever leave the house alone! I was stubborn and continued my walks, saying “vai via Bastardo!” or “Stronzo!”

One day Alvise took me to his mother’s, your grandmother’s house.  She had a hoarse voice with a friendly expression on her face, I liked her at once. Alvise’s relationship to his mother was a little tense at that time because they had a difference of opinion on the house and property Alvise lived in and wanted her to sign over to him. She had been a primary school teacher, but unfortunately could not speak a word of German or English. And then I saw you, a tiny little girl with a round face, resembling your mother very much whom I had seen in Munich. We made friends immediately and later in Alvise’s house I felt that I had to protect you from the rude jokes and little games your father and the boys played with you. One afternoon, we took a walk by the seaside, you walked by my hand and all of a sudden you were frightened. I realized that it was because of our shadows, which the sun made on the pavements, and I said to you “no paura, no paura” and showed you with some movements that it was only our shadows. I took you in my arms, you calmed down and felt safe and so we continued the walk.

One day your mother arrived from Munich on a late afternoon. I observed the initial hellos of Alvise and her from a certain distance. She unpacked some presents which she had brought for her little daughter. It was a tiny Bavarian style dress and a matching little jacket. Your mother had gained weight meanwhile and Alvise started teasing her with “mei, bist’ a fette Sau geworden” (Bavarian for: my, you have become a rather fat pig). They laughed, but I could feel the tension behind it, which they tried to cover up. Alvise and your mother went on a trip together to Roche Rose a few days later, a last attempt of Alvise to persuade her to live together in Sicily. They came back jolly and chuckling later that night, but she had made up her mind long before the trip, to end the relationship with Alvise and leave her daughter at her mother-in-law’s house. After a week or two she departed and I never saw her again.

Dear Janis, I wonder what became of you, I heard from your father a few years ago, when I called him, that you are married to an englishman and that after your grandmother died you inherited her house which you rent to tourists every summer. How are you? In case you would like to contact me, I would love to talk to you and tell you some more stories of my adventures on the isole eolie in the summer of 1979.

Love,
Paula

Insel Lipari

Samstagmorgen in der Stadt

Endlich, man kann wieder UV-Strahlen einfangen, das alte lange Sommerkleid in Korallenrot passt noch einigermaßen, die Sonnenbrille ist noch nicht zu zerkratzt, man braucht keine Strumpfhosen mehr zu tragen und darf sich trauen, die weißen Oberarme und Unterschenkel zu zeigen. Zuhause gibt es jeden Tag Erdbeeren und frischen Salat, das Fenster nach Osten steht den ganzen Abend offen und die Mauersegler düsen in kleinen Verbänden jubelnd durch die Straßenschlucht, beflügelt von den warmen Aufwinden. Nachts tanzen zwei Libellen im Lichtschein der Straßenlaterne. Wunderbar, endlich Sommer!

Auf dem Schiff Linie 62 am Samstagmorgen ist kein Sitzplatz auf dem Oberdeck mehr frei, nur noch einer neben der Mülltonne, aus der es stinkt, also muss ich stehen. Trotz der Affenhitze füllt sich der gegenüberliegende Strand vor der Strandperle.Ufer II Am Anleger strömen die Leute mit den Badesachen zur Straßenkreuzung rechts in Richtung Freibad. Ich schwinge mich auf mein Fahrrad und trete in die Pedalen, 3. Gang, damit überhole ich alle und erreiche vor Ihnen den Eingang des Freibads. Nachdem ich das Fahrrad angeschlossen habe, schaffe ich es knapp  vor einem Mädchen, die den Platz für ihre 6-köpfige Familie reservieren will, mich in die 20 m lange Schlange einzureihen. “Ich war vor Dir da!” sage ich zu ihr, als sie sich vor mich stellen will. Sie entgegnet nichts, sondern guckt mich nur wütend an. Nach 10 Minuten in der prallen Sonne bei gefühlten 38° bin ich an der Kasse an der Reihe und finde dann einen Platz auf der Bank direkt am Beckenrand. Es ziehen bisher nur drei Schwimmer im Wasser ihre Bahnen, der Rest tummelt sich im Nichtschwimmerbecken und am Sprungturm. Nach einer ausgiebigen kalten Dusche tauche ins kühle Nass ein. Woah, tut das gut! Als ich knapp 400 Meter geschafft habe, streifen mich schon die ersten Bahnenschwimmer unter Wasser, die inzwischen dazu gekommen sind. Es wird Zeit, aus dem Wasser zu gehen und das Schwimmbad wieder zu verlassen.Bad IV Auf dem Weg zum  Schiff fahre ich an ein paar Marktbuden vorbei, die in der Finkenwerder Mittagshitze in einer kleinen Seitenstraße stehen. Die Marktstandverkäufer schwitzen in ihren Wagen und unter den Sonnenschirmen. Der Schweiß des dicken Bäckers fließt in Strömen, als er mir eine Tüte mit frischem Brot über den Tresen reicht. Im Supermarkt verweile ich ein bisschen länger als üblich, weil die Klimaanlage so schon kühlt. Auf dem Schiff zurück Richtung Landungsbrücken stapeln sich inzwischen die Touristen, es ist ein Stehplatz frei an einer Außentür, wo eine frische Brise mein Gesicht etwas kühlt.

Weil ich unbedingt ein neues Sommerkleid brauche, fahre ich noch in die Innenstadt und gehe ins Kaufhaus, ich muss gar nicht lange suchen, bis ich eines gefunden habe. Dieselbe Idee hatten offenbar viele junge Mädchen, die in der Schlange vor den Anprobekabinen warten. Nach 15 Minuten wird endlich eine frei. Auf dem Rückweg mit dem Fahrrad muss ich kurz Pause machen vor einem Café am Fleet an der Stadthausbrücke, um etwas zu trinken. Ich bestelle einen halben Liter Alsterwasser und bin schon nach einem Viertel leicht angetrunken, so dass ich das Glas gar nicht ausleere. Draußen laufen jetzt nur noch verschwitzte Touristen in der Stadt herum. Selbst Hunde meiden die Sonne und liegen nur noch flach auf dem kühlenden Pflaster. Ich schwinge mich wieder aufs Fahrrad und radele in leichten Schlangenlinien das letzte Stück am Michel vorbei in unser Viertel.

Was  bin ich froh, als ich unsere kühle Wohnung wieder betrete (unser Backsteinhaus hat dicke Mauern) und unter die Dusche gehen kann. Mit einem kritischen Blick in den Spiegel probiere ich das neue Kleid an. Hmm, es lässt fast den ganzen Rücken frei, ist fürs Büro also eher nicht geeignet. Was solls, dem Liebsten, der gerade aufgestanden ist, und mir gefällt es. Wir machen uns frischen Kaffee, essen Rosinenbrot mit Butter und bleiben den Rest des Tages in der Wohnung, bis abends endlich ein Gewitter für Abkühlung sorgt und der Regen auf unsere Straße prasselt.SAM_1110