Nostalgieküchen (2)

Die zweite Küche meines Lebens (2)

Gesa hat mich inspiriert mit ihren “Nostalgiebetten”, mich an die diversen Küchen zu erinnern, in denen ich gegessen, gekocht, gelebt habe.

Die zweite Küche meines Lebens gehörte meiner Tante auf dem Bauernhof meiner Großeltern, von dem meine Mutter stammte. Hierhin kehrten Mutter, mein kleiner Bruder und ich nach der Scheidung meiner Eltern für ein paar Monate zurück. Ich war 5 Jahre alt, mein Bruder 3.

Die Küche lag an der Rückseite des Hauses neben dem Hintereingang gegenüber einer großen Scheune. Am Küchenfenster kamen alle vorbei, die das Haus betreten wollten, Familienmitglieder, Briefträger, Nachbarn, Besuch. Man musste am Hintereingang die Schuhe ausziehen und sich im Bad die Hände waschen, bevor man in die Küche kam. Sie war doppelt so groß wie die Küche, die ich bis dahin kannte, hatte einen modernen Elektroherd, eine geräumige Spüle und eine großzügige Arbeitsplatte unter den beiden Fenstern. An der Rückwand der Küche war die Tür zum dunklen, feuchten Keller, in dem Weckgläser und andere Vorräte aufbewahrt wurden. Vor diesem Keller gruselte mir, da meine Mutter einmal gesagt hatte: “Wenn ihr nicht artig seid, müsst ihr in den Keller zum Buhschemann!” (oder als Variante “zum “Buhmann” oder zum “schwarzen Mann”). Wer oder was das war,  wagten wir Kinder nicht zu fragen. Ich stellte mir ihn als furchterregende schwarze Gestalt ohne Gesicht mit Kapuze vor und hatte eine Heidenangst. Die Drohung war jedesmal ausgesprochen effektiv und ich hatte noch Jahrzehnte später Alpträume mit Bildern und Gerüchen aus diesem Keller.

Links neben der Kellertür befand sich eine Speisekammer, in der auch ein großer Eisschrank stand, eine sehr moderne Errungenschaft in den sechziger Jahren. Tante Elsbe war immer schwer beschäftigt in dieser Küche, aber schaffte es irgendwie, dabei nicht zu sehr in Hektik zu geraten. Sie konnte mich besonders gut leiden, denn sie hatte einen Sohn und hätte wahrscheinlich auch gern noch eine Tochter gehabt. Beim Mittagessen saßen nicht nur ihr Mann und Sohn, sondern auch noch ihr Schwiegermutter und ihre Schwägerin mit zwei Kindern sowie einige Helfer mit am großen runden Tisch, zeitweilig jeden Tag 10 – 12 Personen. Tante Elsbe konnte sehr gut kochen, alle mochten ihre Speisen. Es gab immer frisches Gemüse und Salate aus dem eigenen Küchengarten und nach dem Hauptgericht einen Nachtisch. Sie kochte regionale Gerichte, z.B. Frikadellen und gestophte Bohnen,  Bratkartoffeln,  Mehlbeutel mit Speck und Fruchtsoße, Eintöpfe wie “Frische Suppe”, Kohlrouladen, Bratwurst mit Steckrübengemüse und Kartoffeln. Legendär lecker waren ihre Rouladen mit Rotkohl, Butterbohnen und dunkelbrauner Sauße. Und erst die Nachtische, Puddings, Grützen und Obstkompotts, mmhh.

Besonders köstlich fand ich ihre Pfannkuchen. Sie briet riesige Mengen davon in zwei Pfannen gleichzeitig sehr dünn aus, schichtete sie mit Erdbeermarmelade dazwischen auf und jeder bekam ein dreieckiges Stück “Pfannkuchentorte” auf den Teller. Ich aß immer ganze Portionen, bis der Teller leer war, ganz ungewohnt für meine Mutter, denn ich hatte bis dahin den Ruf krüsch zu sein und immer wenig bis gar keinen Appetit zu haben.

Eine neue Erfahrung war für mich die entspannte Stimmung und gute Laune am Tisch. Es wurde gewitzelt, man nahm sich gegenseitig auf die Schippe und mein Onkel lobte jedesmal überschwenglich die Kochkünste seiner Frau: “Oh, mein Elsbe, dein Essen schmeckt mal wieder vorzüglich!” Alle kicherten dann, weil seine Ausdrucksweise in Hochdeutsch statt Plattdeutsch für einen Bauern ziemlich elegant und etwas gestelzt klang. Meine Tante aber war geschmeichelt und lächelte in sich hinein.

Nur einer fehlte am Tisch: unser Opa. Ich musste ihm zum Mittag immer ein Tablett mit seinen Tellern bringen, nach nebenan in eine Stube, in der eine alte, abgewetzte Chaiselongue mit einer braunen “Pferdedecke” drauf  und ein verstimmtes Klavier standen, in der Opa sich immer von seiner Arbeit als Altbauer ausruhte und Nachrichten und Musik aus seinem braunen Vorkriegsradio hörte. Elsbe war froh, wenn ich ihr diesen Gang mit dem Tablett abnahm, man konnte ganz deutlich die Spannung spüren, die zwischen Schwiegervater und Schwiegertochter knisterte. Ich wagte nicht zu fragen, warum Opa immer allein essen musste (oder wollte?). Er jedenfalls freute sich über sein Tablett und bedankte sich. Opa konnte mich auch gut leiden, ich nahm seinen schwierigen Charakter und seine gelegentlichen cholerischen Ausbrüche als naturgegeben hin. Vor ihm brauchte man keine Angst zu haben, denn ich hatte gesehen, wie er zärtlich mit den halbwilden Hofkatzen sprach und still und konzentriert in seiner Remise mit Schrauben, Werkzeugen, Fettspritzen und Ölkannen hantierte, wenn er seinen geliebten Lanz Bulldog Trecker oder eine Erntemaschine reparierte.

Wir Kinder, mein drei Jahre älterer Cousin, mein Bruder und ich wurden respektvoll behandelt und ich half meiner Tante gern bei kleinen Arbeiten wie Erbsen puhlen oder Tisch abräumen. Meine Tante war in der Lage, ihre Aufforderungen ihr zu helfen nicht wie Kommandos klingen zu lassen, so wie ich es von unserer Mutter gewohnt war. Ich durfte ihr oft bei den Arbeiten in der Küche zuschauen. Sie hatte alle Hände voll zu tun, besonders im Sommer in der Erntezeit.

Elsbes Eisschrank hatte Gefrierfächer, in dem sie rohe oder gekochte Portionen Fleisch und Gemüse in Dosen und Plastikbeuteln einfror, das kannte ich bis dahin nicht. Besonders spannend fand ich, wie sie Eis zubereitete, Sahneeis, mit Erdbeeren, Kakaopulver und Zucker, oder mit Kaffee als Mokkavariante. An Festtagen bereitete sie sogar manchmal Eistorten mit Baiserboden selbst zu. Ich tüftele noch heute an der Rezeptur für Baiser herum, bisher ist es mir nicht gelungen, etwas Vergleichbares zustande zu bringen.

Nachmittags bereitete meine Tante im Sommer die Verpflegung für die Erntearbeiter auf dem Feld vor. Manchmal gab es Klappbrote: oben Weißbrot, unten Schwarzbrot und dazwischen Butter und Erdbeermarmelade. Sie wickelte die Brote in Pergamentpapier ein, kochte eine Kanne Kaffee mit Milch dazu und eine kleine Extrakanne mit Muckefuck, Milch und Zucker für uns Kinder, wenn wir die Erwachsenen zur Kaffeezeit auf dem Feld besuchten. Dann legte sie den Proviant in einen Weidenkorb und ich durfte manchmal den Korb aufs nahe Feld tragen, wo die Erwachsenen eine Pause von der Getreideernte machten. Ich wurde dann immer mit großem Hallo freundlich begrüßt und durfte neben meiner Mutter, die bei der Feldarbeit half, mit allen zusammen auf dem Boden des Stoppelfeldes zwischen den zu Gruppen aufgestellten Stohgarben sitzen, Muckefuck aus einem Aluminiumbecher trinken und Marmeladenbrote essen. Über uns jubilierten die Lerchen am Himmel, das Feld roch nach Erde und trockenem Stroh. Wir mussten die vielen Fliegen und einige Bienen verscheuchen, die auch an unseren Marmeladenbroten interessiert waren, und die Luft flirrte unter der heißen Augustsonne.

Elsbes Küche war einer der besten Orte meiner Kindheit. Auch später, als wir längst nicht mehr auf diesem Hof lebten, kam ich noch oft zu Besuch und habe meiner Tante dabei zugesehen, wie sie die Nahrung für meinen kleinen spätgeborenen Cousin zubereitete, der monatelang immer nur ein und dasselbe Gericht wollte: “Hühnerbein mit Reis und Erbsen”.

Damals ist meine Lust zu kochen entstanden (die Fähigkeit gut zu kochen entwickelte sich allerdings erst einige Jahrzehnte später).

 

 

 

Norråsen oder das etwas andere Silvester

 31. Dezember 2015

Wie so oft, perfekt geplant, Ausführung mit Hindernissen…tja, aber fangen wir mal von vorne an.

Schon morgens um 9:00 nach einem kurzen Frühstück legte ich meinen umfangreichen Einkaufszettel, doppelseitig beschrieben, ins Portemonnaie, verabschiedete mich vom Liebsten, der andere Dinge zu erledigen hatte, schaute noch kurz im Internet nach den Öffnungszeiten von IKEA und fuhr per S-Bahn ins Nachbarviertel. Ich hielt es für eine schlaue Entscheidung, zuerst ein paar Lebensmittel einzukaufen und die mit zu IKEA zu nehmen wegen der begrenzten Öffnungszeiten des Supermarktes an Silvester, schließlich wartete auf mich ab 11:00 Uhr ein reservierter Mietwagen  auf dem Parkdeck. Aus „ein paar Lebensmitteln“ wurden dann drei prall gefüllte Einkaufsbeutel (der Vorratswahn am Jahresende, es könnte ja eine Sturmflut kommen oder der Dritte Weltkrieg ausbrechen. Und wenn man schon mal ein Auto zur Verfügung hat, kann man ja gleich ein paar mehr…). Pünktlich um 10:00 öffnete sich die Tür des schwedischen Möbelhauses.

Ich war ja gut vorbereitet und hatte mir die schwedischen Namen der ausgesuchten Möbelstücke und Utensilien aufgeschrieben, „Norråsen“, „Sporren“ und wie sie alle heißen, um mir an einem der Bildschirme in den Gängen den Standort der Waren selbst in Windeseile zusammen zu suchen. Wie immer, klappte das mit den Bildschirmen nicht, weder mit Wischen oder Antippen, auch nicht mit Draufhauen auf „OK“. Es half nichts, ich musste einen der schon am Vormittag genervten Mitarbeiter an den Infoständen fragen, die einem signalisieren, dass man das ja eigentlich auch allein hätte herausfinden können und einen ansehen als wollten sie sagen “dies ist eigentlich ein Selbstbedienungs-Kaufhaus!” Eine Dame mit schmalen Lippen fing an, meine Angaben in ihren PC zu tippen und ignorierte meinen ungeduldigen Wunsch, mir gleich zu sagen in welchem Stockwerk sich was befand. „Das drucke ich Ihnen dann gleich aus und das steht da dann drauf“. Ich bekam die Zettel in die Hand gedrückt mit der Ansage „und das da bekommen Sie bei der Warenausgabe.“

Inzwischen hatte ich mir zusätzlich zu dem großen Einkaufswagen, der mit meinen Lebensmittelbeuteln, Taschen und einigen Deko-Gegenständen bereits randvoll gefüllt war, einen Transportwagen für Pakete besorgt und schob / zog also mit zwei Wagen zur Kasse. Als ich nach 20 Minuten an der Reihe war, klärte mich die nette türkische Kassiererin auf, dass ich nur einen Teil bei der Warenausgabe erhalten würde und die anderen Teile selbst hätte aus den angegebenen Regalen heraussuchen müssen (alte IKEA Regel, wie hatte ich das vergessen können). Ja, ich könne den vollen Einkaufswagen an der Seite in ihrer Sichtweite stehen lassen.

Die Regalnummern zu finden war leicht, als alter IKEA-Hase kann man das, die Nummern auf den Paketen genau mit den Warennummern vergleichen. Ich lud auf und suchte das letzte Regal mit der Nummer „00“, wo sich mein neuer Schreibtischstuhl, heute im Sonderangebot, befinden sollte. Es gab kein Regal 00 und ich suchte etwa 15 Minuten nach einer gelbrot gekleideten Mitarbeiterin, die mich schließlich aufklärte: „00 bedeutet, Sonderangebot in den Gängen, dort links um die Ecke kurz vor der Kasse“. Endlich hatte ich alles beisammen, es war bereits 12:00 und es wurde zeitlich eng, da der Mietwagen nur für einen kurzen Transport nach Hause reserviert war und danach wahrscheinlich schon der nächste gebucht hatte.

Vor der Warenausgabe stand eine Schlange und auf dem Display mit den Warennummern war meine noch längst nicht erschienen. Nach zwanzig Minuten bekam ich dann doch das Paket und…. tierischen Durst. Egal, erst einmal Sachen in den Mietwagen legen und danach erst etwas im Restaurant trinken, beruhigte ich mein verdurstendes inneres Kind. Ein Infostand-Mitarbeiter neben der Warenausgabe wusste nicht, auf welchem Parkdeck sich die Mietwagen befinden. Erst nachdem ich ihn etwas ungehalten bat, doch vielleicht seinen Kollegen am Nachbarstand mal zu fragen, bekam ich die Antwort „die Mietwagen stehen auf Parkdeck 1“ (Komisch, früher standen die immer auf dem Dach, Parkdeck 4.) Probehalber drückte ich im Fahrstuhl den Knopf von P4, der Fahrstuhl fuhr nur bis P2. Auf P1 schob und zog ich mit meine zwei ziemlich schweren Einkaufswagen einmal komplett um den Mittelbau herum. Am äußersten Rand standen zwei Mietwagen der Firma „HERTZ“ und „GO“. Es war inzwischen 12:30 Uhr, als ich schließlich vor der anscheinend kompetenteren Dame am Infostand im EG stand. „Die CAMBIO-Mietwagen stehen im 2. Stock direkt an der Schranke zur Ausfahrt.“ Es stimmte, endlich konnte ich meine Sachen ins Auto umladen, wieder ins erste Stockwerk fahren und eine Kleinigkeit im Restaurant trinken. Mein inneres Kind hörte auf zu jammern und sagte nur noch kleinlaut „aber ich habe auch ein bisschen Hunger!“ „Essen gibt’s jetzt nicht, wir sind schließlich nicht zum Vergnügen hier!“, antwortete ich.

Als ich um 12:40 Uhr mit meinem beladenen PKW vor der Schranke zur Ausfahrt auf Parkdeck 2 stehen blieb, hinter mir drei weitere wartende hupende PKWs, hatte ich vergessen, wie man den Schrankenmechanismus öffnet. Mit entschuldigenden Gesten musste ich die Wartenden nötigen, rückwärts zu fahren, um zurücksetzen und zurück auf den Parkplatz fahren zu können, da sich an der Schranke kein Rufknopf zum Pförtner befand. Als ich mein Handy in meiner Handtasche suchte um die Mietwagenzentrale anzurufen, fiel mein Blick auf eine Dauerparkkarte an einem langen Spiralkabel auf der Konsole vor der Frontscheibe. AHA! Es fiel mir wieder ein, ich hielt wenig später die Dauerparkkarte an den Schrankensensor und konnte endlich nach Hause fahren.

Inzwischen war es 12:55 Uhr, der AKKU meines Mobiltelefons war fast leer und der Wagen sollte bis 13:00 Uhr zum gleichen Standort Parkdeck 2 zurückgebracht werden. So schnell ich konnte, lud ich alles aus, schleppte es in mehreren Gängen die drei Stockwerke hinauf zu unserer Wohnung und informierte etwas außer Atem der Mietwagenzentrale per Telefon, dass ich es nicht schaffen könne, den Wagen pünktlich zurück zu bringen. Die Mitarbeiterin in der Zentrale meinte etwas vorwurfsvoll „aber es wartet schon die nächste Mieterin auf das Fahrzeug ab 13:00 Uhr. Ich werde sie telefonisch verständigen, dass sie noch 15 Minuten warten muss“.

Ich beschloss, auf keinen Fall zurück ins Parkhaus zu fahren, sondern den Wagen am Straßenrand hinter den Parkhaus abzustellen, da IKEA inzwischen geschlossen hatte und ich nicht riskieren wollte, irgendwo im Parkhaus stecken zu bleiben wie bei einem der letzten Male. Also stellte ich mich neben den Tresor der Mietwagenzentrale, in den man den Schlüssel des Wagens nach der Fahrt wieder hineinhängt. Das funktioniert aber nur mit der Mietwagen-Chipkarte, mit der man die Tresortür öffnet. Mir wurde heiß, die Chipkarte war partout nicht zu finden in meiner Handtasche.

Ouu Nouu! Mit der letzten Akkuenergie meines Mobiltelefons rief ich die Mietwagenzentrale an. „Jetzt ist es 13:23 Uhr, die Nachmieterin ist inzwischen wahrscheinlich wieder weggegangen, weil der Wagen um 13:15 Uhr nicht am Platz stand!“ meinte der inzwischen dritte Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung. „Warten Sie bitte dort, ich versuche sie zu erreichen, und gehen Sie nicht weg, denn die Nachmieterin muss erst mit ihrer Chipkarte den Tresor öffnen und die Nummer 5 drücken, damit Sie den Schlüssel wieder an den Platz hängen können, anders funktioniert die Übergabe nicht.“

Eine geschlagene halbe Stunde wartete ich, quatschte alle Fußgänger mit suchendem Blick an und fragte sie, ob sie ein CAMBIO-Fahrzeug gemietet hätten. Einige schauten mich an, als sei ich irre oder schüttelten nur mit dem Kopf. Nach zwei weiteren Anrufen, bei denen mein Handy zum Glück immer noch funktionierte, kam ein netter Herr um die Ecke „Sind sie die Dame, die ihre Chipkarte verloren hat?“ Ich antwortete betreten und mich in aller Form vielmals entschuldigend: „Ja, ich bin die Trantüte. Gut dass Sie kommen!“ Er: “Macht nichts, ist meiner Frau auch schon passiert.“

Die Übergabe klappte nach einem weiteren Telefonat mit der Mietwagenzentrale und Drücken auf Nummer 5. Der Herr erzählte mir noch ein paar Schauergeschichten aus dem IKEA-Parkhaus an Wochenenden und riet mir, mich genau wie er beim nächsten Mal schriftlich beim Mietwagenservice und bei IKEA zu beschweren, falls der Wagen mal wieder nicht am Platz stünde oder der Zugang zum Parkhaus nicht funktioniere. Aber ich kann mich doch nicht über chaotische Vormieter wie mich beschweren, dafür können doch IKEA und CAMBIO nichts? dachte ich noch, sagte aber nichts.

Nach 5 Stunden Aufbau mit einigen Fehlern (stecken Sie erst die Stiften in die Löcheren und drehen danach die Gegenmütteren in die Löcheren, sonst bekommen Sie die Bretteren nicht zusammeren) steht er jetzt endlich fertig an seinem Platz, mein neuer Norråsen-Laptoptisch, etwas mickriger in der Größe als erwartet, aber schön. Der Liebste meinte: “Ach gibt es jetzt wieder Sperrmüll?“ In Memoriam an meinen ähnlichen ersten kleinen Schreibtisch vom Sperrmüll in Studententagen, ich muss zugeben, dass ich mich deshalb in Norråsen verliebt habe.

„In Schweden sollen die Kinder ja schon in der Grundschule die IKEA Gebrauchsanweisungen lesen lernen“, meinte er dann noch. Ich habe uns trotzdem etwas Leckeres zu Essen gemacht und ab 20:00 Uhr konnte unser Silvester dann doch noch beginnen. Um 23:00 Uhr schlief ich vor Erschöpfung auf dem Sofa ein und verpasste das Feuerwerk am Hafen.

Prost Neujahr!

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Nostalgieküchen

Die allererste Küche meines Lebens (1)

Gesa hat mich inspiriert mit ihren “Nostalgiebetten”, mich an die diversen Küchen zu erinnern, in denen ich gegessen, gekocht, gelebt habe.

Die erste Küche meines Lebens, an die ich mich erinnere, befand sich im Haus meiner Großeltern Das Haus auf dem Berg in einem Dorf nahe der Nordsee, in das meine Mutter nach ihrer Heirat mit meinem Vater gezogen war. Es war groß genug für alle, damals lebten die jungen Paare auf dem Land noch zusammen mit ihren Eltern oder Schwiegereltern. Allerdings hatte es nur eine relativ kleine Küche im Hochparterre mit einem Kohleofen in der Ecke und einem Tisch mit 4 Stühlen in der Mitte. Meine allererste Erinnerung an diesen Raum ist heiß und sonnendurchflutet, es war August, ich war zwei Jahre alt und mein kleiner Bruder war gerade geboren worden. Er sollte auf dem Tisch zum ersten Mal gebadet werden. Meine Oma hatte eine kleine Zinkbadewanne mit warmem Wasser gefüllt und meine Mutter hielt den nackten kleinen Kerl mit dem linken Arm bis zur Brust ins Wasser, um ihn mit einem Waschlappen in der rechten Hand zu waschen, als plötzlich eine kleine braune Wurst an der Wasseroberfläche erschien. Oma musste lachen, Mutter biss sich vor Anstrengung auf die Lippen und ich schaute fasziniert zu und staunte, dass dieses braune Ding auf der Oberfläche schwamm und nicht unterging.

Zwei Jahre später im Winter waren mein Bruder und ich allein in dieser Küche eingeschlossen, da Mutter ungestört den Flur bohnern wollte und wir ihr wohl mit unseren neugierigen Fragen im Weg gewesen waren. (Sie hatte überhaupt eine etwas seltsame Vorstellung von Beaufsichtigung von Kleinkindern. Im Garten soll sie mich einmal mit einem langen Seil um die Taille an einem Baum befestigt haben, um mich am Weglaufen zu hindern und in Ruhe ihrer Gartenarbeit nachzugehen). Ein Geschirrhandtuch, das über dem Ofen zum Trocknen aufgehängt war, fing Feuer und entflammte lichterloh. Ich sah mich um und dachte darüber nach, mit meinem kleinen Bruder zusammen aus dem Fenster im Hochparterre zu klettern, laut schreiend “Feuer, Mutti, Feuer!” Zum Glück hörte unsere Mutter unser Schreien und schloss tief erschrocken die Küchentür wieder auf und löschte den Brand beherzt mit einer Schüssel Wasser. Als sie uns tröstete, verriet ihre Stimme außer der Angst und dem Schrecken eine Spur Schuldgefühl. Ich glaube, sie hat uns seitdem nie wieder irgendwo eingesperrt.

Der erste Weihnachtstag

Und was ist mit Henriette? (25.12.2001)

Wenn ich sie jetzt anrufe, wecke ich sie womöglich aus dem ersten Tiefschlaf – oder vielleicht hat sie sich umgebracht? Unsinn, deine Fantasie geht mit dir durch!

Es rieselt aus Ellens Gedankenmühle, kurz vor Mitternacht, Paul und Sohn Felix schlafen bereits fest. Ihr Blick schweift in ihrem Zimmer umher, für Besucher das „Wohnzimmer“: Pitchpine-Holzfußboden, hohe Decke über einem dezenten Stuckband, weiße Borde an der Fensterseite voller Taschenbücher, weißer und gelber Aktenordner, die zwar mit einheitlicher Computerbeschriftung versehen sind, aber kaum das bunte Sammelsurium zu ordnen vermögen. Gelbe Ikea-Kartons und Fotos von Felix und Paul aus längst vergangener Zeit, Buntstifte und Malutensilien, die sie ewig nicht mehr benutzt hat. Über dem hellgrauen Büroschreibtisch an der linken Wand hängen immer noch die beiden abstrakten Tuschebilder im chinesischen Stil, die Paul ihr vor 7 Jahren geschenkt hat nach einer gemeinsamen Malaktion auf Japanpapier. Vor dem Fenster neben dem Sofa der Hometrainer, der ständig im Weg steht und Ellen dennoch bisher nicht dazu ermuntern konnte, ihre beträchtlich angewachsenen Speckrollen abzutrainieren. Dort an der rechten Wand das dunkle Piano, eine kleine Kostbarkeit, die ihr Paul vor zwei Weihnachten geschenkt hat, ein Traum aus Kindertagen, der wahr geworden war.

Im Fernsehen läuft ein Film mit dem jungen Richard Gere. Die Lust, den Rauch einer heimlichen „ich rauche eigentlich schon seit langem nicht mehr“ – Zigarette tief zu inhalieren und dabei in Ruhe den heutigen Weihnachtstag Revue passieren zu lassen, lässt sie die in der Moppe-Minikommode versteckte Zigarettenschachtel aus dem Fach mit dem Nähsammelsurium hervorziehen. Sie macht es sich auf dem Sofa bequem und zündet sich eine Zigarette an.

Oma Helga und Opa Willi hatten wie jedes Jahr zum ersten Weihnachtstag Helgas Kinder und Enkel in ihre Wohnung in dem kleinen Dorf in Niedersachsen eingeladen. Ellen machte sich extra hübsch, zog eine weite weiße Bluse über den schwarzen Rock und lackierte sich noch schnell die Fingernägel. Sie konnte Paul und Felix dazu überreden, wenigstens frisch gewaschene Jeans anzuziehen und die Schuhe zu putzen. Paul drängte zur Abfahrt, weil sie mal wieder zu spät dran waren. Ellen musste unbedingt kurz vor der Abfahrt noch einmal duschen, die Haare waren noch nicht ganz trocken. „Kannst du bitte die Blumen tragen, Felix, ich nehme die Geschenke!“ Mit erhitztem Kopf stieg sie als letzte ins Auto ein, die Scheiben beschlugen sofort. Sie machten auf der Fahrt zu den Großeltern trotz der Verspätung einen Umweg über eine Autobahnraststätte, um mit einem leichten Mittagsimbiss eine Grundlage zu legen für Kaffee-Hag, Käsesahnetorte und Sandkuchen, Schlagsahne und alkoholische Getränke, die sie erwarteten. Und bis zum Abendbrot war es noch lang.

Die Begrüßung im Flur war wie immer sehr herzlich, man sah sich nicht oft. Oma Helga strahlte vor freudiger Erregung über die seltene Versammlung ihrer Kinder. Ihre weißen Haare waren frisch vom Frisör gelegt, ihre Wangen waren warm und weich. Die Kinder mussten sich zur Begrüßung zu ihr hinunterbeugen, Ellen kam sich dabei immer etwas plump vor. Opa Willi begrüßte Helgas Kinder ebenso herzlich, er war schon so lange mit Helga zusammen und gehörte zur Familie. „Bist du wieder gewachsen, Felix, Mensch was für ein langer Kerl.“ Es schien ihm zu gefallen, dass Felix ihn „Opa“ nannte, und für Felix war es ganz natürlich. Willis Tochter Barbara war schon seit Jahren nicht mehr erschienen, weil es einmal einen heftigen Streit zwischen Ellen und Barbara gegeben hatte.

Ellen konnte es wieder einmal nicht lassen, allen ein kleines Geschenk mitzubringen und natürlich etwas Besonderes für Helga und Willi, obwohl es nicht abgemacht war. Auch Maren und Horst, Pauls Schwester und Schwager, waren gekommen und saßen schon erwartungsvoll am Kaffeetisch. Maren hatte sich wieder richtig in Schale geworfen, sie trug einen seidigen lindgrünen Rock mit einem passenden Oberteil und dazu kupferfarbene Ballerinas, farblich abgestimmt auf ihren rot gefärbten Bubikopf. Sie hatte immer noch eine Figur wie ein junges Mädchen im Gegensatz zu ihrem sonnengebräunten Gesicht mit der altergemäß faltigen Haut. Schwager Horst wirkte mit seinen 60 Jahren sehr jugendlich, als junger Mann hatte er ausgesehen wie ein Italiener, damals, als Maren sich in ihn verliebt hatte.

„Glückwunsch, Horst!“…“ Wozu das denn?“…“ Zu deinen neuen Beißern.“…“ Ach so, das meinst du, waren ja auch längst mal fällig und auch nicht ganz billig“…..

Maren und Horst schenkten Felix wieder eine „bunte Tüte“ mit Süßigkeiten (obwohl er doch schon so ein großer Junge war). Ihr 25-jähriger Sohn Maximilian, Felix’ Cousin, war auch wieder dabei, diesmal ohne seine Freundin. Er hatte eine neue Frisur, rasierter Hinterkopf und das lange dunkelblonde Oberhaar streng nach hinten zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden. Im linken Ohrläppchen trug er einen silbernen Ring. Felix war beeindruckt. Maximilian hörte beim Kaffeetrinken beinahe ebenso schüchtern den Geschichten und Witzeleien der anderen zu wie sein 14-jähriger Cousin Felix. Man sprach über die Fahrt, das Wetter, erzählte sich die neuesten Ereignisse. Maren lachte wieder schallend und klimperte mit ihren goldenen Armreifen. Das Wasser plätscherte in Willis beleuchteten 100-Liter-Aquarium. Es war gemütlich und eigentlich wie jedes Jahr am 1. Weihnachtstag, außer dass Henriette und ihr Hund nie wieder dabei sein würden.

Aber warum waren Mannie, Helgas Jüngster, und seine Neue, auf die alle so neugierig waren, noch nicht gekommen? Das Telefon klingelte erst nach dem Kaffeetrinken. Mannie habe fürchterliche Bauchweh und Durchfall nach dem Genuss von wahrscheinlich verdorbenen Rouladen am Heiligabend (wo die doch so besonders lange geschmort werden), es tue ihm leid, dass er nicht kommen könne. Paul sagte: „Mannies Neue soll ja ganz patent sein, ein ganz anderer Typ als Henriette, arbeitet in einer Versicherung, betreibt nebenbei noch einen Pferdehof und hat, glaub ich, ordentlich was an den Hacken, wenn das stimmt, was Mannie da so erzählt hat. Ihr Mann hat sie wohl verlassen, und das nachdem sie ihm aus der Insolvenz herausgeholfen hat.“ Ellen hatte schon einen Kleinen im Tee und meinte: “Ob die nun Mannie auch noch aus der Schuldenfalle helfen kann?“ Und dann das allgemeine Gelächter, als Ellen sich Augen rollend in die Neue hineinversetzte, die gerade ihrem Ex mit einem enormen Nerven- und Kraftaufwand aus der Patsche geholfen hat und dann kommt der Nächste mit genau dem gleichen Problem, oh bitte nein, nicht schon wieder!

Maren fragte in die Runde, wie es eigentlich Henriette wohl jetzt ginge, aber keiner hatte sie angerufen oder gesehen seit der Trennung von Mannie. Und Henriette hatte sich auch nicht mehr gemeldet, obwohl Mannie und sie so lange verheiratet gewesen waren. Maren meinte dann noch: “Sie passte ja eigentlich noch nie so richtig zu uns, und Mannie musste ja alles im Haushalt machen, sie konnte ja noch nicht mal kochen!“ Ellen verkniff sich einen Kommentar zum Thema Frauenrolle und Kochen. Und dann schwiegen alle etwas betreten. Oma Helga ließ sich nichts anmerken, Paul aber wusste mehr, weil Mannie ihm in der Firma half, ließ sich aber nicht ausfragen. Das Thema wurde schließlich gewechselt.

Felix vermisste Janne, Henriettes und Mannies sanften Golden Retriever, der ihm bei allen Familientreffen, an die er sich erinnern konnte, immer zur Begrüßung das Gesicht abgeleckt und sich unter dem Tisch auf seine Füße gelegt hatte. Er stand auf und bewunderte wie so oft die antiken Waffen aus früheren Stadttheaterbeständen an Opa Willis holzgetäfelter Wand im Flur und zog sich dann zum Fernsehen ins Nebenzimmer auf’s schwarze Ledersofa zurück. Helgas Sammlerpuppen auf der Sofalehne lächelten freundlich erstarrt im elektrischen Lichterschein des kleinen Weihnachtsbaumes gegenüber dem Kamin.

Opa Willi fuhr dann gegen Abend mit seinem neuen Toyota (grünmetallic „…na, wird wohl unser letztes Auto sein, nicht Helga?“) zusammen mit Horst in den weiter entfernten Nachbarort, um den saftigen Burgunderbraten vom Schlachter abzuholen, durch den Schnee und über die glatten Straßen. Er hatte Paul und Ellen vorher gefragt, ob Felix mitfahren dürfe. „Lieber nicht“, hatte Ellen geantwortet, „es ist viel zu glatt draußen“ aus Angst vor Willis riskantem Fahrstil. Paul hatte gemeint, Felix solle das doch selbst entscheiden und Felix wollte dann aber zu Ellens Erleichterung lieber doch nicht.

Später waren alle satt nach dem leckeren „Rundstück warm“ mit brauner Soße und Willis selbst eingelegten Gurken. Und die jüngeren Frauen halfen Helga in der Küche beim Abwasch und redeten dann beim Abtrocknen noch in Ruhe über Dinge, die Willi und die anderen Männer nicht unbedingt mithören sollten. Und natürlich steckte Oma Helga ihrem Enkel Felix im Vorbeigehen einen Schein zu, den Felix gern annahm. Er bedankte sich artig dafür, auch wenn er schon damit gerechnet hatte. Wie immer flüsterte sie Ellen im Vorbeigehen zu „Willi muss das ja nicht unbedingt wissen. Du kennst ihn ja!“

Nach dem Abwasch versammelten sich alle wieder in der Essecke unter den eichenen Zierborden mit den Zinntellern und Helgas Souvenirs: eine kleine Brocken-Hexe auf einem Besen, Holzleuchttürme von der Ostsee, rosa Seidenblumen in einer Zinnvase. Willi erzählte nach ein paar Glas Trester wieder alte Geschichten aus der Zeit damals in Russland im Arbeitslager, regte sich zum wiederholten Mal über die Idioten bei der Technik am Stadttheater auf und gab Anekdoten vom Angeln zum Besten. Alle kannten seine Geschichten schon, doch hörten auch diesmal wieder seinen ausführlichen Schilderungen zu. Helga saß neben ihm und ließ ihn gewähren. Sie redete sowieso nie viel, aber ihre Augen lächelten milde. Manchmal nickte sie, wenn Willi sich am Ende eines Satzes versicherte ….“nicht Helga?“ oder sie half ihm auf die Sprünge, wenn er nicht auf einen Namen oder eine Bezeichnung kam.

Auch Maren und Horst erzählten nach ein paar Gläsern Bowle wieder Lustiges und Alltägliches aus ihrem Leben, er aus fast dreißig Jahren im Containerhafen und von seinem Arbeitsunfall und der Frührente, sie aus dem Schuhhaus Grantz, schon immer drei Tage die Woche. Sohn Maximilian berichtete von seinem zweiten Bildungsweg zum Ingenieur und seinem Nebenjob als Pizzafahrer. Und dass es unmöglich sei, davon eine eigene Wohnung zu finanzieren, und er deshalb noch zuhause wohne. Ob er nicht lieber im Studentenwohnheim als bei den Eltern wohnen würde, fragte Ellen. „Was soll ich im Studentenwohnheim? Wenn im Nebenzimmer dauernd gefeiert wird, kann ich doch nicht in Ruhe lernen!“ „Und wie wär’s mit ’ner Wohngemeinschaft mit Freunden, wäre doch leichter zu finanzieren als ’ne eigene Wohnung?“ ….“Daran würde bestimmt die Freundschaft kaputt gehen.“ …. „Na, wenn du jetzt schon wie ein Rentner denkst, solltest du tatsächlich lieber bei Mama und Papa wohnen bleiben.“ ……“Das traut sich nicht jeder, so direkt zu sagen,“ meinte Paul, als alle nach Ellens Kommentar für einen Moment die Luft anhielten, Maximilian rot bis über beide Ohren.

Im kleinen Flur auf dem Weg zur Toilette hielt Ellen inne und betrachtete die erleuchtete Glasvitrine mit Willis Armeen selbstgefertigter Zinnsoldaten und Helgas Kristallfigürchen, um sich danach im warmen Badezimmer einzuschließen und an Helgas Parfumflakons zu schnuppern und das cremefarbene Badezimmer-Frottee-Ensemble und die kleinen Gänsefiguren aus Porzellan zu betrachten, während sie auf dem Klo saß.

Wie werden wir wohl Weihnachten feiern, wenn Helga einmal nicht mehr lebt? Ellen mag gar nicht daran denken, seufzt und steckt sich erneut eine Zigarette an. Als sie die Weihnachtspost auf dem Couchtisch betrachtet, denkt sie, dass sie Henriette vielleicht doch einen Brief hätte schreiben sollen.

Vor einem halben Jahr der mitternächtliche Anruf von Henriette bei Ellen und Paul, als ihre beginnende Migräne sie nicht hatte schlafen lassen und sie endlich Klarheit über Mannies Untreue gefordert hatte. Paul kannte Mannie besser als alle anderen in der Familie. Schließlich hatten sie in seiner Firma zusammen gearbeitet. Paul hatte das Telefonat geführt und Henriette schließlich reinen Wein eingeschenkt:

…… „Und, warum kann Mannie nach 16 Jahren Ehe mit dir immer noch nicht richtig sprechen, obwohl du, Henriette, doch die ’Gebildete aus den besseren Kreisen’ bist? Du hast Sprachen studiert und verkörperst all das, wovon ein dummer Junge aus Altona immer geträumt hat!“ ….. „Es tut mir so leid, hoffentlich kann er mir verzeihen, dass ich ihm nicht helfen konnte, ich verzeih ihm doch auch, wenn er bloß zurückkommt. Wir sind doch schon so lange zusammen, warum tut er mir das an?“ ….„Ihr passt doch überhaupt nicht zusammen, von Anfang an habt ihr euch doch was vorgemacht. Er hat sogar deinen Namen angenommen, was glaubst du denn, warum wohl?“…“Oh, Gott, ist mir schlecht!“ ….. „Deine Familie und du, ihr wart für ihn ‚die Reichen’, er hat geglaubt, mit der Heirat in deine Kreise aufgenommen zu werden, kapierst du?“……„Oh Gott, ist mir schlecht, oh Gott!“ Paul musste das Gespräch immer wieder unterbrechen, weil Henriette am anderen Ende der Leitung hörbar immer wieder auf die Toilette musste, um sich zu übergeben. Paul blieb am Apparat…… „Dein Vater hat doch schon vor eurer Hochzeit den Braten gerochen, als er dich enterben wollte.“ …… „Ist mir schlecht! Aber Mannie und ich lieben uns doch trotz allem!“….. „Ach Quatsch, was hat denn das mit Liebe zu tun? Die Schlinge um Mannies Hals wird immer enger und du machst dir Sorgen darüber, wer die Hunde versorgt und das halbfertige Badezimmer fliest! Standen nicht neulich schon zwei Anfänger mit einer abgesägten Schrotflinte vor eurer Tür, um Geld einzutreiben für einen von Mannies zahlreichen Gläubigern? Er ist pleite, Mensch, versetz dich doch mal in seine Lage! Lass ihn doch endlich gehen und schieß ihn in den Wind.“ …….. „Aber, ich verzeihe ihm doch alles, wenn er mir doch nur noch eine Chance gib! Er ist doch mein Puschel, oh Gott, ich will doch bloß, dass er wieder nach Hause kommt“….

Henriettes lautes Schluchzen, Flehen und Jammern aus dem Telefonhörer mithörend hatte Ellen nebenan mit zitternden Fingern versucht, die Telefonnummer von Henriettes Mutter im Nachbarort ausfindig zu machen, falls Henriette doch entgegen ihren Beteuerungen Tabletten genommen haben sollte. Sie hatte die Nummer schließlich gefunden und die Mutter per Handy erreicht.

Richard Gere vögelt gerade seine Geliebte auf einem federnden amerikanischen Doppelbett, als Ellen das Fenster zur Straße öffnet, damit der Zigarettenrauch abziehen kann und sie morgen nicht verraten wird. Dann lehnt sie sich aus dem geöffneten Fenster, atmet die klare Winterluft ein und drückt ihre Zigarette in der Ecke des Fenstersimses aus. Ausnahmsweise lässt sie die Kippe auf die Straße fallen. Die Kirchturmuhr in einiger Entfernung zeigt kurz nach Mitternacht an. Ihr ist kalt geworden, ihr Entschluss steht fest. Sie schließt das Fenster und macht den Fernseher aus, greift zum Telefonhörer und wählt Henriettes Nummer.

„Hallo Henriette? Hier ist Ellen, habe ich dich geweckt? ….Oh, tut mir leid! ….Fröhliche Weihnachten! ….Wie geht’s dir?….. Ja, wir waren bei Helga und Willi, wie jedes Jahr“.

Schwarzer Humor mit Gemüse

Nach langem Krankenhausaufenthalt haben sie ihn endlich nach Hause entlassen, er genießt es mit geschlossenen Augen auf dem Sofa zu liegen und die Geräusche der Straße durch das geöffnete Fenster zu hören. Er hat tagelang nicht schlafen können, nachts kamen immer wieder dieselben Alpträume und er sehnte sich danach endlich wieder im eigenen Bett zu schlafen. Seine Frau kümmert sich jetzt wieder um ihn und ist erleichtert, nicht mehr täglich den Weg per Bus und Bahn in die Klinik zurücklegen zu müssen, in ängstlicher Erwartung, ob es ihm wieder schlechter gehen oder ob der Doc bessere Nachrichten haben wird. Sie spürt ihre Erschöpfung. Sie trinken erst mal einen Tee und ruhen sich etwas aus.

Der Kühlschrank ist fast leer, sie fragt ihn, ob er zusammen mit ihr in den nächsten Discounter fahren möchte. Zu ihrer Überraschung sagt er ja. Langsam gehen sie die Treppe im Hausflur herunter, weil er noch etwas gangunsicher ist und ihm leicht schwindling wird. Sie fahren mit dem Auto direkt vor den Eingang des Discounters und sie sieht sein blasses, hohlwangiges Gesicht reflektiert im Ladenfenster.

Sie schiebt den großen Einkaufswagen langsam hinter ihm her, bedächtig wählen sie zusammen ein paar Lebensmittel aus den Pappkartons in den Regalen aus und überlegen dabei, was man kochen könnte. Ein plötzliches Glücksgefühl durchströmt ihren Körper. Sie kann es kaum fassen, dass sie mit ihm zusammen im Supermarkt einkaufen kann, wo es doch noch vor zwei Wochen so aussah, dass er die Klinik vielleicht nicht mehr lebend verlassen würde und sie in Zukunft allein zurecht kommen müsste. Sie war schon auf das Schlimmste gefasst gewesen und hatte sich nachts einige Male in den Schlaf geweint.

Als sie am Gemüseregal vorbei kommen, fragt sie ihn: “Was meinst Du, wollen wir auch Radieschen kaufen?” “Och nö,” antwortet er, “die schaue ich mir lieber von unten an.”

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Laptopsingen am Morgen (3)

Sie ist ungefähr so alt wie ich, und ich hatte sie 20 Jahre lang völlig vergessen, bis sie neulich in den Stadtnachrichten erwähnt wurde, weil sie ein Konzert in Hamburg gegeben hat: Rickie Lee Jones, eine meiner Lieblingssängerinnen aus den Achtzigern. Es ist erstaunlich, sie hat immer noch dieselbe Stimmlage, wie ein junges Mädchen, artikuliert nasal und fast konsonantenfrei, so lässig, jazzig und bluesig wie damals. Ihr Gesang klingt manchmal wie eine Anklage und ein Ruf nach Hilfe, ich fürchte, sie hat immer noch niemanden an ihrer Seite, der sie bedingungslos liebt. Aber schön, sie kann Herzen öffnen, hören Sie selbst: https://www.youtube.com/watch?v=yGFEFncDYQc