60er Jahre
Wilhelm und Helene ging es nach ihrer Scheidung schlecht. Helene arbeitete zunächst schwer auf dem Bauernhof ihres Vaters bei der Ernte mit, zog mit den Kindern später in die obere Etage des Altenteilhauses ihrer Eltern in der nahen Kleinstadt und versuchte dann eine Stelle bei der örtlichen Sparkasse zu bekommen, indem sie einen Schreibmaschinenkursus absolvierte. Trotz der Beziehungen ihres wohlhabenden Vaters zum Bankdirektor reichten ihre Fähigkeiten nicht aus und so musste sie zunächst als Kassiererin in einem Supermarkt und dann als Verkäuferin in einem Billigkaufhaus arbeiten. Für Helene bedeutete dies eine enorme Kränkung und ein sozialer Abstieg, was sie niemals aussprach, aber spürbar war, wenn man sie gut kannte. Sie wurde schwer herzkrank, konnte nur noch eingeschränkt arbeiten und wurde daher von ihren Eltern jahrelang finanziell stärker abhängig. Wilhelm fühlte sich von seiner Frau im Stich gelassen und um ihre Liebe betrogen und war nicht dazu fähig, regelmäßig genug Geld zu verdienen, um ihr Unterhalt zu zahlen. Trotzdem trafen sich die beiden jahrelang noch manchmal ohne Wissen ihrer Eltern heimlich am Wochenende. Helene schwankte, ob sie es nicht doch noch einmal versuchen sollten, war hin- und hergerissen zwischen dem vernichtenden Urteil ihrer Familie und ihren Gefühlen der Sympathie.
Eines Tages hatte sie ihren beiden Kindern angekündigt, dass sie am Ende der Straße einige Häuser weiter eine Wohnung gefunden habe, in die sie umziehen würden, und Wilhelm würde dann wieder mit ihnen zusammen leben. Kurz bevor der Umzug stattfinden sollte, hieß es dann plötzlich, dass daraus nichts werden würde. Vermutlich hatte Wilhelm seinen Alkoholkonsum immer noch nicht unter Kontrolle und Helene gab das Vorhaben deshalb auf und entschied sich endgültig gegen ihn. Helene brachte es darüber hinaus fertig, Wilhelm mit einer Anzeige einige Monate Gefängnisaufenthalt zu bescheren und schaffte es immer wieder, Kontakte zu Bekannten aus seinem Dorf zu nutzen, um an ihren Unterhalt zu kommen. Aus ihrer Sicht war sie im Recht, sie war rechtskräftig „unschuldig“ geschieden.
Die Kinder besuchten ihn regelmäßig alle 14 Tage in der Wohnung der Großeltern. Was die Last dieser Besuche noch drückender machte als der Anblick der Großeltern, die trotz der Freude über die Besuche ihrer geliebten Enkelkinder oft traurig und müde wirkten, war die Tatsache, dass Helene die Kinder mit dem Auftrag schickte, Unterhaltsgeld von Wilhelm zu verlangen. Oftmals drucksten sie den ganzen Sonntag im Wohnzimmer bei den Großeltern herum, um dann schließlich kurz vor Ende des Besuchs die Bitte vorzutragen, die ihnen schrecklich peinlich war. Wilhelm flüchtete immer mehr in den Alkohol, saß einmal bei einem Besuch seiner Kinder betrunken und vollgepisst in einem Sessel im Wohnzimmer, weil seine Mutter es nicht geschafft hatte, ihn rechtzeitig in sein Schlafzimmer gegenüber im Flur zu bugsieren. Die Kinder waren angeekelt und damit völlig überfordert, und Wilhelm war bei den Wochenendbesuchen danach nicht mehr dabei. Wilhelms Sohn wollte mit seinem Vater nichts mehr zu tun haben, bis zu Wilhelms Tod vermied er möglichst jeden Kontakt zu ihm, hauptsächlich wegen der peinlichen Folgen der Unzuverlässigkeit seines Vaters, z.B. nicht bezahlter Krankenkassenbeiträge für die Kinder, die er seinem Vater nicht verzeihen konnte. Es war schlimm genug, bei einem Stadtfest seinem betrunkenen Vater zu begegnen. Jahre später sagte er über diese unfreiwillige Begegnung zu seiner Schwester: „Am schlimmsten für mich war, dass er dann anfing zu weinen!“
Trotz allem schaffte Wilhelm es tage- oder wochenlang lang nüchtern zu bleiben, arbeitete dann als Landarbeiter bei den Bauern der Umgebung und schickte Postanweisungen mit 50,- Mark-Beträgen an seine Kinder. Sein Vater Friedrich betrieb als Rentner weiter Gemüsehandel in kleinerem Umfang, um über die Runden zu kommen und seinen Enkelkindern bei jedem Besuch etwas Geld zuzustecken. Er hatte inzwischen einen Kontakt zu einer kleinen Firma in Glückstadt mit einem Lastwagenfahrer aufgenommen, der das Gemüse abholte und zu den Abnehmern fuhr.
Und dann starb der alte Friedrich an einem Herzinfarkt und ließ seine Frau Bertha mit Wilhelm allein zurück. Die Beerdigung sollte in seinem Geburtsort Büsum stattfinden, ein langer Zug mit Autos fuhr langsam an ihrer Wohnung vorbei als letzter Gruß, das ganze Dorf nahm daran teil, weil Friedrich bei allen bekannt und beliebt gewesen war. Bertha wurde noch trauriger, als sie ohnehin schon war, und ließ sich gehen. Wilhelm schaffte es nicht, sich der Umklammerung seiner Mutter zu entziehen und endlich sein eigenes Leben zu leben, weil seine Schuldgefühle und das Gefühl ein Versager zu sein ihm dies unmöglich machten und er keine Hilfe bekam. „Ich bin ein Strolch, nicht!?“, sagte er einmal zu seiner Tochter. Es wäre durchaus möglich gewesen, dass Bertha zu ihrer Schwester nach Büsum gezogen wäre. Niemand kam auf die Idee, dies in die Tat umzusetzen, am allerwenigsten Wilhelm selbst, auch als Friedrichs Geschäftspartner in Glückstadt Wilhelm vorschlug, doch dorthin zu ziehen, ca. 50 Kilometer entfernt, er habe sogar eine Arbeit für ihn. In Glückstadt hätte er vielleicht sein Glück gefunden, eine wunderschöne Stadt, weit genug entfernt von seiner Vergangenheit und seiner alten Mutter.
GLÜCKSTADT

Das Leiden der beiden setzte sich fort, bis Bertha einige Jahre später an einem Schlaganfall starb. Auf ihrer Beerdigung führten Wilhelm und seine Tochter, die inzwischen 20 Jahre alt war, den Trauerzug an. Wilhelm weinte die ganze Zeit fürchterlich und seine Tochter hielt ihm die Hand. Die Wohnung, in der er bisher mit seinen Eltern gewohnt hatte, wurde ihm gekündigt, er verkaufte den kompletten Hausstand und wohnte künftig zur Untermiete in Zimmern oder Dachkammern bei Bauern der Umgebung oder in der nahen Kleinstadt bei Bekannten.
70er Jahre
Wilhelms Tochter war inzwischen Studentin und hielt den Kontakt zu ihrem Vater aufrecht. Er gab sich Mühe, schaffte es, an Besuchstagen trocken zu bleiben, und die beiden redeten dann ein paar Stunden miteinander. Sie versuchte immer wieder ihm zu entlocken, was ihm im Krieg widerfahren war, weil sie sich intuitiv sicher war, dass seine Kriegserlebnisse ihn traumatisiert und seelisch zerstört hatten und die Ursache waren für seinen Alkoholismus und die Unfähigkeit nach dem Krieg im Wirtschaftswunder ein „normales“ Leben mit Ehe, Familie und Kindern zu führen, geschweige denn ein ausreichendes Einkommen zu erwirtschaften.
Über den Krieg erzählte er ihr einige wenige Details von Orten in Russland. Gegen Ende des Krieges seien er und seine Kameraden erschüttert darüber gewesen, dass deutsche Jungen, noch Kinder, kaum älter als 16 Jahre, noch als Kanonenfutter in den bereits faktisch verlorenen Krieg geschickt worden waren. Da sei ihm endgültig klar geworden, dass er und seine Kameraden geopfert worden waren für einen „Endsieg“, den es nicht geben würde. Am meisten beeindruckt habe ihn, dass russische Mütter und Großmütter den jungen deutschen Soldaten auf den Lastwagen Brot zugeworfen hatten, als sie in die Gefangenenlager transportiert wurden, obwohl sie selbst kaum etwas zu Essen hatten. Über die schrecklichen Metzeleien wollte er nicht reden, nur soviel, dass er grausame Dinge gesehen habe, zerfetzte Leichen, abgetrennte Geschlechtsteile, verbrannte Dörfer…Er konnte nicht weiterreden, und seine Tochter fragte sich später, welche Grausamkeiten ihr Vater möglicherweise selbst begangen hatte, und dass die Unfähigkeit darüber zu sprechen von der Scham über eigene Verbrechen herrührte. In diesem Verdacht fühlte sie sich 10 Jahre nach Wilhelms Tod 1995 bestärkt, als die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ des Hamburger Instituts für Sozialforschung in Deutschland zu heftigen politischen Auseinandersetzungen führte. Die Ausstellung hatte damals die Hauptthese, dass die Wehrmacht als Institution quer durch alle Waffengattungen systematisch an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen war.
Seine Tochter fragte ihn bei diesen Treffen auch immer wieder nach seiner Meinung, woran seine Ehe gescheitert sei. Er ließ sich niemals über ihre Mutter aus und ließ nichts auf sie kommen, sie sei eine gute Ehefrau und eine perfekte Hausfrau gewesen. Sie blieb hartnäckig und gab sich mit dieser Antwort nicht zufrieden, bis er einmal zugab – und es war ihm fast unmöglich es auszusprechen – dass er sehr darunter gelitten habe, dass seine Frau in ihrer Ehe „nie zufrieden“ gewesen sei. Einmal habe sie ihm sogar an den Kopf geworfen: „ach, hätte ich doch bloß einen Bauern geheiratet und nicht Dich!“
80er Jahre
Eines Tages, er war schon über 65 Jahre alt, musste er wegen eines festgestellten Lungenkrebses in eine Lungenklink eingewiesen werden, in der ihn seine Tochter einmal besuchte. Er trank inzwischen keinen Alkohol und rauchte nicht mehr, hatte keine Angst und keine Schmerzen. Beide genossen das Zusammensein, ohne über den bevorstehenden Tod zu reden, und fühlten sich so verbunden, wie selten zuvor. Sie schrieb ihm regelmäßig Briefe, sandte ihm Zeitungen und Päckchen zu und kümmerte sich weiter um ihn. Nach dem Klinikaufenthalt wurde Wilhelm vom örtlichen Sozialamt in einem Pflegeheim in der nahen Kleinstadt einquartiert in einem Doppelzimmer, was er sich mit einem bösartigen alten Bauern teilen musste. Dort lagen beide im Bett, es gab keine anderen Möbel im Zimmer. Bei einem Besuch seiner Tochter behauptete der Bettnachbar, der schöne türkis-blau-gestreifte, teure Bademantel, den sie ihrem Vater beim letzten Besuch geschenkt hatte, sei seiner und den habe Wilhelm ihm geklaut. Seine empörte Tochter hatte große Mühe, den Heimleiter davon zu überzeugen, dass dieses nicht der Wahrheit entsprach. Wilhelm berichtete ihr bei diesem Besuch, dass er demnächst eine kleine 1-Zimmer-Wohnung am Pflegeheim zugewiesen bekommen würde und freute sich sehr darauf, aber dazu sollte es nicht mehr kommen.
Der Lungenkrebs war weiter fortgeschritten, als seine Tochter wusste, und so überbrachte ihr der Heimleiter eines Tages 1986 telefonisch die Todesnachricht, Wilhelm sei friedlich gestorben. Sie fuhr sofort hin und nahm seinen Nachlass entgegen. Es war ein blauer Müllsack mit seiner Kleidung und eine mit rotem Samt bezogene Verpackungsschachtel einer Jubiläumsausgabe eines Edelkorns mit goldener Schrift, darin seine Papiere, sein Familienstammbuch, das Scheidungsurteil, eine Haftmitteilung, seine Rentenbescheide, fein säuberlich zusammengeheftete Zahlungsabschnitte von Postanweisungen des gezahlten Unterhalts und einige Briefe, Kinderzeichnungen und Fotos, die ihm seine Tochter im Laufe der vielen Jahre geschickt hatte. Ihr kamen die Tränen, als sie den Nachlass betrachtete, das Wenige, was von einem ganzen Menschenleben übrig geblieben war. Aber sie empfand gerade diese Schachtel auch als bezeichnend für das ganze Leben ihres Vaters, lächelte in sich hinein und beschloss, ihm wenigstens eine würdevolle Beerdigung auszurichten. Ihr Bruder war bereit, die Hälfte der Kosten zu übernehmen.
Die Bestatterin hatte Wilhelm in der kleinen örtlichen Kapelle aufgebahrt und zurecht gemacht. Er lag blass und geschminkt im Totenhemd im offenen Sarg mit gefalteten Händen unter einer Decke, umgeben von Kerzen und Blumen. Seine Tochter hatte das starke Gefühl, dass seine Seele noch im Raum schwebte und drei Tage lang auf sie gewartet hatte, wagte aber nicht, ihn noch einmal anzufassen. Doch sie traute sich laut genug zu sagen, dass sie ihn immer lieb gehabt habe, obwohl sie wusste, dass die schwarzgekleidete „Krähe“ Bestatterin draußen mit dem Ohr an der Tür lauschte. Als sie die Tür öffnete, hätte die Krähe sich beinah den Kopf gestoßen.
Dann schrieb seine Tochter eine ganze Nacht lang einen Text für den örtlichen Pastor, der die Grabrede halten würde, und beschrieb darin Wilhelms gesamtes schweres Leben, auch sein Scheitern, den Alkohol und das Unglück ließ sie nicht aus. Sie stand bei der Beerdigung am offenen Grab zwischen dem langhaarigen Pastor, den sie vermeintlich für „progressiv“ hielt, und ihrem Bruder gegenüber der Trauergemeinde aus der Kleinstadt, die sie zum Teil noch nie gesehen hatte. Wilhelm hatte tatsächlich Freunde und Bekannte in den Kneipen der Stadt und unter den Bauern gehabt! Der Pastor hielt eine salbungsvolle Rede über einen Psalm aus der Bibel, doch sie wartete vergeblich auf Passagen aus ihrem Text. Nach der Trauerrede zischte sie ihm zu. „Aber Sie haben ja kein Wort aus meinem Text verwendet, was soll das denn?“ Der Pastor entgegnete: „Ach, das wissen ja sowieso alle!“ Was für ein Feigling, dieser Pfaffe! Sie beschloss ihre Grabreden künftig selbst zu halten.
Wilhelms Tochter sorgte dafür, dass er einen kleinen Grabstein aus Feldstein bekam, malte mit Goldbronze regelmäßig die Inschrift nach, pflanzte ein- oder zweimal im Jahr Blumen drum herum und ließ den kleinen Rasen mähen, 30 Jahre lang, bis das Grab von der Friedhofsverwaltung eingeebnet wurde. Bei ihrem letzten Besuch an der Grabstelle ließ sie eine Rose auf den Rasen fallen und sagte „Tschüss Vati!“
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