Stellenkarussell

Und da arbeite ich seit über 20 Jahren in meinem Job und eigentlich kann mich gar nichts mehr wundern oder erschüttern, wir arbeiten schließlich alle mehr oder weniger in einem großen Irrenhaus, das sich Arbeitswelt nennt. Es tummeln sich vornehmlich Strombergs und Piёchs in den Führungsetagen, die ihren Mitarbeitern das Leben schwer machen anstatt selbst gute Teamplayer zu sein und den vielen motivierten KollegInnen auf Augenhöhe zu begegnen. Und doch, es ändert sich gerade wieder etwas in unserer Institution und ich verspüre eine gewisse Aufregung, fast wie bei einem Neuanfang. Gar nicht so übel, wenn man sich ein bisschen „abgemuckt“ fühlt nach so vielen Jahren der Routine.

Die Büroräume und Kolleginnen, mit denen ich sie teilte, haben schon ein paar Mal gewechselt. Der derzeitige Raum, in dem ich immerhin ein Drittel des Tages verbringe, ist mir ans Herz gewachsen, und für manche Kollegin empfand ich mehr als bloße Kollegialität. Zum Beispiel die letzte, die B., die 6 Monate rechts von mir saß und dann doch keinen Vertrag bekam, obwohl sie sich bewundernswert schnell mit meiner Hilfe eingearbeitet hatte und von Januar bis Ende Juni mal eben 4 Veranstaltungen mit 300 Teilnehmern organisiert hat. Ich vermisse B. und unsere Gespräche über Gott, Kinder, Politik, Psychologie und die Welt. Und auch das gemeinsame Lachen über komische Situationen oder merkwürdige Kollegen. Was haben wir geklotzt, um den liegen gebliebenen Berg von Arbeiten abzuarbeiten, uns jeden Tag mit dem alten Apple Rechner herumgeschlagen, der so ganz anders funktioniert als unsere gewohnten PCs mit Microsoft Office! Irgendwann haben wir es aufgegeben, den Explorer zu suchen und uns nur noch mit dem MAC Finder alte Dateien aus dem Wust von Dateien gesucht, um sie dann für das laufende Jahr zu überschreiben. Zugegeben, das ging nicht ohne fette Schnitzer aus, z.B. eine alte Rechnungsdatei mit veralteter IBAN in der Fußleiste. Man stelle sich vor, an 50 Leute Rechnungen zu schicken, von denen 30 dann verzweifelt versuchen, die zurück kommenden Überweisungen erneut abzusenden. Und erst das Theater, als der Chef ein fehlendes Logo eines wichtigen Sponsors im Veranstaltungsflyer übersehen hatte und meine Kollegin natürlich die Schuld dafür bekam und er sie vor versammelter Mannschaft während einer Registrierung mit zahlreichen wartenden Teilnehmern einer Veranstaltung zur Schnecke machte. Was soll’s, alle Menschen machen Fehler!

Wie froh war ich, dass ich den Job der Kollegin nicht zusätzlich zu meinem machen musste, zumal der dazugehörige Chef, der seit Juli im Ruhestand ist, zur Kategorie „Mimose mit Perfektionsanspruch und autoritärem Führungsstil“ gehörte. Die B. und ich waren ein selten gutes Team, bis sie eines Tages Ende Juni von einem Gespräch mit der Firmenleitung kam und wie vom Donner gerührt berichtete, dass sich eine Bewerbungskommission „leider“ für eine neue Kollegin entschieden habe. Wir waren beide davon ausgegangen, dass sie einen festen Vertrag statt vorübergehendem Honorarvertrag bekommen sollte. Sie hatte sogar bereits einen vorläufigen Vertrag unterschrieben, bis der Geschäftsleitung aufgefallen war, dass ja „ups“ gar keine reguläre Stellenausschreibung vorausgegangen war. Tja, und so kam es, dass die B. Ende letzten Monats gehen musste. Mein wütendes Schimpfen nütze gar nichts, als ich zum Big Boss ins Zimmer ging, wo er mit dem deprimiert dreinblickenden Geschäftsführer zusammen saß, der – wie immer in solchen Fällen – die Schuld wegen dieses Verfahrensfehlers bekam. Die B. ist mit einem Anwalt befreundet, die Geschäftsleitung hat am Monatsanfang ein nettes Schreiben bekommen. Selber Schuld, geschieht ihnen recht!

Also muss ich mich ab dem 1.9. auf eine neue Kollegin  einstellen, der Name wurde schon durchgegeben, eine Frau W. mittleren Alters, mit Kindern. Bekanntlich bestraft der liebe Gott kleine Sünden sofort, denn letzte Woche kam die Hiobsbotschaft, Frau W. habe abgesagt, sie habe genau wie die zweite in Frage kommende Kandidatin aus der Bewerberrunde bereits etwas besseres gefunden. Und meine bisherige Kollegin B. kommt ja wohl nicht mehr in Frage nach der peinlichen Beendigung ihrer Honorartätigkeit, nehme ich mal an.

Und nun….? Ein paar Nächte lang habe ich mir die Frage gestellt, ob ich erneut dazu bereit bin Kollegin Nr. 4 einzuarbeiten, die uns dann nach einiger Zeit wieder verlassen muss. Bin ich nicht! Inzwischen ist mir der Job genauso vertraut wie meiner, ich habe die Faxen dicke und mache den Job lieber selbst. Natürlich muss ich dann die Hälfte meiner Arbeitsbereiche abgeben, damit das organisatorisch zu schaffen ist. Gedacht, getan, letzten Freitag hat die komplette Geschäftsleitung sowie der zum Job dazugehörige neue Chef, mit dem ich seit über 10 Jahren in einem anderen Bereich zusammenarbeite und bestens kenne, von mir ein Angebot bekommen, den Job zu übernehmen. Eine neue Kandidatin soll morgen ausgesucht werden, die müsste dann meinen halben bisherigen Arbeitsbereich übernehmen.

Man kann gespannt sein, was daraus wird. Erfahrungsgemäß werden besonders wohlüberlegte, konstruktive Zwei-Fliegen-mit-einer-Klappe-Vorschläge der Mitarbeiter entweder nicht verstanden, ignoriert oder schamlos ausgenutzt. Oder es gibt plötzlich unüberwindbare bürokratische Hindernisse wie alte Stellenbeschreibungen, oder irgendwem ist mein Vorschlag nicht opportun?

Wenn die Geschäftsleitung meinen Super-Vorschlag ablehnen sollte, werde ich die neue Kollegin leider etwas unterkühlt einarbeiten müssen. Ich werde sie freundlich begrüßen, auf den Rechner neben mir weisen, ihr das Passwort geben, ihr viel Spaß bei der Arbeit wünschen und schweigend meiner eigenen Arbeit nachgehen. Meine Sprechzeit für Fragen aller Art wird dann nachmittags ab 14:00 Uhr sein, für eine Stunde oder so.

Wie ich mich kenne, werden wir spätestens am dritten Tag die Fotos unserer Kinder austauschen und uns unsere Lebensgeschichte erzählen.

Brunhildes Abschied (3)

DSC07265Nachdem wir das Krankenhaus verlassen haben, entschließen der Schwager, die Schwägerin, der Liebste und ich uns, Hildes Lebensgefährten W., der das Krankenhaus bereits eine Stunde früher verlassen hat, hinterher zu fahren in das Dorf, in dem die beiden fast 30 Jahre lang zusammen gelebt haben.

Es fällt uns schwer die Wohnung durch die Haustür zu betreten, in der sie uns immer empfangen hat, ich vermisse sie jetzt schon. Die Raumluft riecht leicht abgestanden, die Räume wirken traurig und verlassen, etwas unordentlich, weil W. täglich ins Krankenhaus gefahren ist und keine Kraft zum Aufräumen hatte. W. ist noch sichtbar erschüttert und redet sehr viel, von Schluchzen unterbrochen, von den letzten beiden Nächten, die sie zusammen im Krankenzimmer verbracht haben, von Hildes drittem und viertem Herzinfarkt und den vergeblichen Wiederbelebungsversuchen der Ärzte. Wir hören ihm lange zu und unterbrechen ihn erst nach einer Stunde, um über die Beerdigung zu sprechen. Er möchte sich darum kümmern, wir bieten ihm unsere Hilfe an. Er brauche keine Hilfe, er kenne einen Beerdigungsunternehmer vor Ort und könne das allein regeln.

Mein P., Hildes Sohn, traut sich als einziger das Thema  Hildes Nachlass anzusprechen. Hilde habe ihm ein paar Tage vor ihrem Tod gesagt, wo ihre Handtasche stünde, in der sie ihre Papiere, das gesparte Geld für eine Beerdigung und ihren Schmuck aufbewahrte: “Wo ist denn diese Tasche, W., und wieviel Geld hat sie hinterlegt?” W: “Ach das weiß ich nicht, ich hab’ natürlich auch noch gar nicht geluschert in den letzten Tagen, als es ihr so schlecht ging.” P. bleibt hartnäckig: “Wieviel, W.?” W. weicht aus und gibt vor, das nicht genau zu wissen und bekräftigt noch einmal, dass er sich um die Beisetzung kümmern werde. Hilde habe ja eine Einäscherung und eine anonyme Beisetzung ihrer Urne auf dem Dorffriedhof gewünscht, und so sollten wir das auch machen. Keine Trauerfeier, keine Karten, ganz einfach.

In mir rebelliert es, ich möchte eine schöne Trauerfeier für Hilde im Dorf organisieren. Ich möchte alle, die sie kannten und mochten, einladen, eine Rede halten, mit allen zusammen Kaffee trinken. Ich sage nichts, ich bin nur die Schwiegertochter, sollen meine Schwägerin und mein Liebster, ihre Kinder, das entscheiden. Die beiden vermeiden es, so kurz nach Hildes Tod ein Streitgespräch mit ihrem Lebensgefährten anzufangen, um ihn und sich selbst zu schonen, der Frieden und die Liebe zu Hilde im Abschiedszimmer schwingt noch nach, als wäre sie noch da. Wir verabschieden uns an der Haustür und bitten W. sich telefonisch zu melden, sobald er genaueres zur  Einäscherung und zur Beisetzung sagen könne.

Wir warten einige Tage ab, aber W. meldet sich nicht. Immer wenn wir anrufen, ist er nicht zuhause. Ich habe mir den Namen des Beerdigungsunternehmers gemerkt und mache ihn im Internet ausfindig. Wir teilen ihm per Fax mit, dass Hildes Kinder die gesetzlichen Erben seien und gern wüssten, was W. in Auftrag gegeben habe. Der Undertaker ruft zurück und berichtet, dass W. ihn beauftragt habe und nennt uns den wahrscheinlichen Einäscherungstermin. Er sehe kein Problem darin, dass ihr Lebensgefährte den Auftrag erteilt habe, obwohl er nicht mit der Verstorbenen verheiratet gewesen sei. Nun, gut, so läuft das wohl auf dem Dorf, denke ich.

Nach einer Woche haben wir W. immer noch nicht erreicht, er will offenbar im Alleingang eine Beisetzung organisieren und denkt gar nicht daran, Hildes Nachlass zwischen sich und ihren Kindern aufzuteilen. Wir beschließen ihm einen Brief zu schreiben, in dem wir die Gegenstände aufzählen, die wir gerne bekommen würden. Ich habe ein ungutes Gefühl und spüre jetzt schon den tiefen Graben, der sich zwischen uns Kindern und W. auftut, schicke den Brief aber trotzdem ab.

W. meldet sich weiterhin nicht, bis ich ihn anrufe. Er versucht mir weiszumachen, dass es dem Beerdigungsunternehmer am liebsten sei, wenn die Beisetzung im ganz kleinen Kreis stattfände, nur er allein und der Mitarbeiter (will heißen, wir bräuchten nicht zu kommen). Zu unserem Brief sagt er nichts, bestätigt nur dass er ihn bekommen habe. Einen Tag vor der Urnenbeisetzung ruft uns der Undertaker an und teilt uns die Uhrzeit mit: am nächsten Morgen 9:00 Uhr. Der W. rechnet wahrscheinlich damit, dass wir zu der frühen Tageszeit nicht aus Hamburg anreisen können (da hat er sich aber geirrt). Ich teile dem Beerdigungsunternehmer mit, dass er bitte eine kurze Zeit am Grab für eine kleine Rede, die ich halten würde, einplanen solle. Hildes Tochter und der Schwager beschließen, nicht zur Urnenbeisetzung zu fahren, sie ahnen nichts Gutes und begründen ihren Entschluss damit, dass sie sich ja bereits von Hilde verabschiedet hätten.

Am nächsten Morgen stehen der P., unser Sohn und ich in aller Herrgottsfrühe auf und fahren über die Autobahn ins Dorf nach Niedersachsen. Wir brauchen den Friedhof glücklicherweise nicht lange zu suchen. Die Sonne steht schon strahlend am Himmel und alle Vögel auf dem Friedhof zwitschern nach Leibeskräften. Wir sind einigermaßen überrascht, dass dort eine Beerdigungsgesellschaft auf dem Friedhofsparkplatz auf uns wartet, ungefähr 20 Personen, Freunde und Nachbarn aus dem Dorf, der Undertaker im schwarzen Anzug mit ausdruckloser Mine und übereinandergeschlagenen Händen steht in einigem Abstand daneben.

W. hat einen ziemlich roten Kopf und sieht uns grimmig an, obwohl wir pünktlich sind. Ich begrüße niemanden mit Handschlag, sondern gehe direkt auf W. zu: “Schönen Gruß von K. und P., sie können heute leider nicht dabei sein.” W. antwortet vorwurfsvoll: “Der Beerdigungsunternehmer hat mir gesagt, dass Du eine Rede halten willst, aber jetzt ist es schon 9:00 Uhr! Die Beerdigung sollte wegen Deiner Rede doch um 8:45 anfangen.” Ich entgegne: “Er hat uns gestern mitgeteilt, dass die Beisetzung um 9:00 beginnt, und es ist jetzt 9:00 Uhr!? Das ist ja wohl ein Missverständnis!”

Dann klappt W. das Heck seines Geländewagens auf und hält dem P. eine Plastikkiste mit Hildes Nachlass entgegen. Unser Sohn verfolgt das Geschehen mit gespanntem Interesse, die Spannung steigt. P. sagt, “ach W., was soll denn das jetzt, die Übergabe können wir doch später in Ruhe bei Dir zu Hause machen!” W. schnaubt vor Wut und sagt erregt und laut hörbar für alle: “Das kommt nicht in Frage, lieber stelle ich die Kiste irgendwo am Wegrand ab! Den ganzen Tag habe  ich gestern gebraucht, um die Sachen zusammen zu suchen, hier, würdest Du mir das bitte quittieren?” und hält dem P. eine Liste mit den Gegenständen unter die Nase. P. macht einen letzten Versuch, den W. zu besänftigen. Ich versuche derweil mit zitternden Fingern Schwager und Schwägerin telefonisch zu erreichen, um sie um ihr Einverständnis zur Unterschrift zu bitten. Das regt W. noch mehr auf und er fasst sich theatralisch ans Herz und stöhnt. W.s Tochter, die wir 30 Jahre lang nicht gesehen haben, kommt näher und pöbelt uns an, eine Nachbarin mischt sich lautstark ein: „Wie könnt ihr so mit einem alten Mann umgehen, das ist ja wohl das Letzte, nun nehmt doch endlich die Kiste an!“ Ich erreiche endlich Schwager und Schwägerin telefonisch. Sie sind einverstanden, schließlich unterschreibt P. die Quittung und wir laden die Kiste ungeprüft in unser Auto um. Ich schwitze und bemerke, dass meine schwarze Hose viel zu kurz ist, und man die weißen Socken, die ich heute Morgen eilig angezogen habe, sehen kann. Ich rücke meine Kleidung zurecht und sehe mich in der Runde um.

Der Undertaker schaut inzwischen nervös auf seine Uhr und drängt, die Beisetzung zu beginnen. Die Gesellschaft schreitet mit schnellen Schritten voran zum Grab und versucht uns abzuhängen, wir drei gehen unbeirrt hinterher und stellen uns dicht an das vorbereitete Urnengrab, direkt gegenüber der feindselig gestimmten bis peinlich berührten Dorfgruppe. Der Undertaker gibt mir ein Zeichen, ich hole tief Luft und lese meine Rede mit fester Stimme von einem Zettel ab. Es geling mir, während meiner Rede kleine Pausen zu machen, nicht zu weinen anzufangen und W. direkt in die Augen zu sehen:

Liebe Hilde,
Du bist sehr alt geworden, in diesem Jahr fast 87. Du hattest es in Deiner Jugend wie so viele Deiner Generation nicht leicht. Vor dem Krieg bist Du bei Deinen Großeltern in Mecklenburg aufgewachsen. Deine Mutter hatte Arbeit in Hamburg gefunden und besuchte Dich so oft es möglich war. Nachdem Deine Großmutter gestorben war, musstest Du mit Unterstützung durch eine Großtante eine Weile allein bei Deinem Großvater leben. Nach dem Tod des Großvaters holte Deine Mutter Ida Dich zu sich nach Hamburg. Auf einem der wenigen Fotos aus dieser Zeit stehst Du zusammen mit Deinem kleinen Bruder zwischen Deiner Mutter und Deinem Stiefvater und schaust stolz in die Kamera. Du hast mal gesagt‚ `’meine Mutter hat mich immer gut behandelt’.

Die Bombennächte im Zweiten Weltkrieg verbrachte Deine Familie in einem Keller in Altona, bis ihr ausgebombt wurdet. Du gingst zur Schule und hast Dein Pflichtjahr abgeleistet. Kurz vor Ende des Krieges starb Dein Verlobter, Deine erste Liebe, dessen Kind Du unter dem Herzen trugst. Nach dem Krieg verliebte sich der Kriegsheimkehrer Bruno in Dich, der Deine kleine Tochter als “wunderbar” und nicht als Hindernis für eine Heirat empfand. Dann bekamen Bruno und Du noch eine Tochter Brigitte, die nach einigen Monaten an einer Lungenentzündung starb, und später einen Sohn, Deinen P.. Die englische Besatzungsbehörde wies Deiner kleinen Familie ein Zimmer mit Ofen in einer Villa in Bahrenfeld zu, bis ihr endlich nach zwei/drei Jahren in die ersehnte Neubauwohnung in Eimsbüttel umziehen konntet. Bruno hatte eine feste Anstellung als Maskenbildner an einer staatlichen Bühne gefunden und Ihr habt zusammen bis in die siebziger Jahre in dieser Wohnung gelebt.

Du hattest mit Bruno ‘einen guten Mann’, wie Du später einmal sagtest. Er brachte regelmäßig das verdiente Geld nach Hause und lieferte es bei Dir ab, zumindest den Teil, der nach seinen Kneipenbesuchen übrig geblieben war. Du hast Dich um Eure Kinder gekümmert und den Haushalt geführt. Dein kleiner P. war in den ersten Jahren ständig krank. Als er 2 Jahre alt war, musstet ihr ihn für einige Monate in eine Lungenklinik bringen, und als Dein Kind sich schließlich weigerte Nahrung aufzunehmen und die Klinik Dich darauf vorbereitete, dass er womöglich bald sterben würde, hast Du ihn auf eigene Verantwortung wieder nach Hause geholt und mit Deiner Liebe wieder aufgepäppelt.

Deine Tochter K. brachte dann eines Tages ihren liebenswürdigen Verlobten P. mit nach Hause. Der hatte ein Auto, und so konnte die Familie kleine Ausflüge in die Umgebung von Hamburg machen und in den Sommerferien an einem kleinen See Camping machen.
Dein zweiter Sohn Michael kam 10 Jahre später zur Welt und sollte Dir später noch einige Sorgen bereiten. Deine große Tochter war aufgeweckt und lieb und war Dir eine große Hilfe. Dein P. war ein ruhiges, anhängliches Kind, Dein quirliger Nachzügler jedoch hielt die Familie mit seiner Lebhaftigkeit in Atem. Dein Mann Bruno wurde krank und Du konntest ihm nicht helfen, als er sich langsam zu Tode trank. Du musstest durchhalten und etwas dazu verdienen und nahmst eine Teilzeitbeschäftigung in einer benachbarten Wäscherei an.

Das Leben ging weiter, und dann hast Du Dich in einen Arbeitskollegen Deines Mannes, in Deinen W., verliebt. Als Deine Kinder erwachsen waren und W. in den Ruhestand ging, seid ihr hierher gezogen. Dein Leben wurde ruhiger, die Sorgen wurden weniger, ihr beiden habt einen großen Garten zur Selbstversorgung angelegt und Euch gut im Dorf eingelebt. Ihr habt viele schöne Ausflüge gemacht und nette Bekannte kennen gelernt. Du hast nur ab und zu die Großstadt und Deine Kinder und Enkel vermisst, aber Du hast gesagt, Du seist glücklich und zufrieden mit Eurem Leben auf dem Lande. Und wir haben Dich immer gern zu Geburtstagen und an Weihnachten besucht und Deine und W.s großzügige Gastfreundschaft genossen.

Jetzt hast Du genug gegeben, liebe Hilde, Du bist auf die große Reise gegangen. Ich werde Dein freundliches Lächeln, Deinen Gleichmut und Deine Wärme nie vergessen. Und auch nicht Deinen würdevollen und friedlichen Gesichtsausdruck auf Deinem Totenbett! Leb wohl!DSC07269Nach meinem letzten Satz schießen mir doch Tränen in die Augen und P. nimmt mich in den Arm. Unser Sohn findet die Rede gelungen und zwinkert mir aufmunternd zu. Der Undertaker sagt noch einige respektvolle Worte am Grab und lässt die kleine metallene Urne mit Hildes Asche in das von lächerlichem Kunstrasen umgebene, tiefe Loch  fallen. Wir legen unsere Blumen daneben, schweigen noch eine Minute und gehen dann zurück zum Parkplatz.

W. ist immer noch wütend auf uns und sagt laut hörbar: “Dass ihr Eurer Mutter das antut, Euch hier so aufzuführen. Was hat sie mir nicht alles erzählt in der letzten Nacht von Euch, darunter hat sie die ganzen Jahre so gelitten….”. Er fängt an aufzuzählen, was sie erzählt habe. Ich werde langsam ungehalten und zische eisig in seine Richtung: “Du lügst!!” Er dreht sich zur Beerdigungsgesellschaft um, die dem Spektakel die ganze Zeit interessiert zuschaut, und ruft laut in die Runde: “Hört ihr, sie beschuldigt ihre Mutter der Lüge!” Ich lasse das nicht unwidersprochen und hebe meine Stimme während ich nicht weit von W. in unser Auto einsteige: “Hilde lügt nicht, DU LÜGST!!” Wir fahren davon und sind froh, der hässlichen Szenerie auf dem Friedhofsparkplatz zu entkommen. Unser Sohn ist sprachlos, diese Seite von Opas Charakter kannte er noch nicht. Er beschließt, ihn nie mehr wieder sehen zu wollen. Wir fahren schweigend nach Hause.

Später in der Wohnung von Schwager und Schwägerin sehen wir uns Hildes Nachlass an, ein Sparbuch, einige Andenken aus ihrer Wohnung, einige Schmuckstücke, eine alte Brille und einige für uns sehr kostbare Familienfotos hat W. in die Kiste hineingelegt. Es fehlen die wertvolleren Schmuckstücke aus Gold. Ach, soll der W. doch das Gold behalten oder zu Geld machen. Er wird es nötig haben, jetzt wo er allein von seiner kleinen Rente muss!

Hildes Schätze stehen jetzt auf meinem Bord an der Wand und ich schaue sie an, wenn ich frische Blumen neben ihr Lieblingbild stelle und an sie denke.DSC07282 Manchmal frage ich mich, ob ich den hässlichen Streit zwischen ihrem Lebensgefährten und uns Kindern nicht hätte verhindern können, den Hilde in all den Jahren immer gefürchtet hat. Wir haben uns dreißig Jahre lang Mühe gegeben uns zurückzuhalten, um W. gewähren zu lassen und jeden Streit zu vermeiden, damit Hildes Gefühl zwischen den Stühlen zu sitzen und sich entweder für ihren Lebensgefährten oder ihre Kinder entscheiden zu müssen, erträglich wurde. Ich bin ihr sehr dankbar für ihre klaren Worte bei meinem letzten Besuch im Krankenhaus: „Um W. braucht ihr Euch nicht zu kümmern, das kann seine Tochter machen!“ Und so ist es geschehen. Wir haben bis heute kein Wort mehr mit ihm gewechselt und ihn nicht wieder gesehen.

 

Dear Janis (1)

Journey to Lipari (1)

I remember a sweet little girl, about 18 months old, whom I met one day in Sicily on the beautiful island where your father lives. That little girl named Janis (guess after which US singer you were named?) lived with her grandmother and step-grandfather in a new house that her grandmother had built, because her parents had separated in that summer. I think it was 1979 or so, I was 21 years old and it was my first trip to the Mediterranian at all. Your father Alvise hosted me and later my boyfriend, too, who joined us a few weeks later. This journey changed my life, because your father and my impressions of a foreign country helped me to broaden my mind.

My girlfriend Marion had promised me to hitchhike to Lipari together for two months during the summer vacation of the university. She and her best friend P. (who became my husband a few years later) had got to know your father on their trip to your island the summer before. But Marion fell in love with an Australian traveller and did not want to travel at all, and so she organized that your father came up to Northern Germany to pick me up, because travelling alone would be too dangerous for me. So, Alvise came up from Bavaria, where he had been working, and stayed in my and my boyfriend’s home for a few days, so that we could get to know each other. We liked him very much, such a kind and clever young man, who was some years older than me. He had more life experience than the greenhorn students I knew, and he could speak some German with Bavarian accent because of his seasonal work in Bavaria. He was small, had curled long black hair and John Lennon-metal rimmed glasses on his nose. I liked him very much and did not hesitate to trust him. He intended to return to Sicily together with your mother, his fiancé, and live together with her and their little daughter, as they had agreed upon before.

So, one day in early August Alvise and I said goodbye to my boyfriend and made our way to the autobahn to hitchhike to Munich, as many young people did in those days. I was a cute skinny blond student at that time and it did not take us long to find a driver who was willing to take us to Munich in one day. For me, an adventure began, because I had never been in Munich or Italy before.

When we had arrived in Munich, we went directly to the “Hofbräuhaus”, where your mother was working as a waitress in that summer. She wore a Bavarian dirndl, we came in our dirty travel clothes  with our backpacks, looking like hippies. We felt completely displaced in that location, especially me, because your mother must have thought that Alvise had an affair with the blond student sitting at the wooden table, which was not the case. Certainly, I had begun to love your father, but as a good friend, not as a lover. Your mother was embarrassed as she saw us and did not talk much to your father. I understood that she had changed her mind. Her best girlfriend, a feisty, fat and extremely dominant Bavarian, which I remember also working in that brewhouse, had convinced her that Lipari was not the right place to live for her and her little girl, although at the same time she had no means to bring her up in Munich alone. Alvise and your mother arranged, that she would come to Lipari a few weeks later to spend some time with her daughter. She said to him that it was over. Alvise was shocked und could not say a word more in those strange surroundings. We left the brewery, after we had emptied our drinks that your mother had brought us. It was very hot outside and we went to the central station to buy tickets for a train journey to Milazzo.

Alvise decided to visit an old friend of his in a suburb of Munich, who lived with his girlfriend in  an appartment in the basement of a house in a rather wealthy quarter, to ask him whether we could spend the night in their home. They were not in, Alvise had not called his friend before (in those days there were no mobile phones available). It was already late and dark and so Alvise proposed to sleep in the garden outside on their terrace in our sleeping bags. I was extremely frightened, because I feared that the neighbours would wake up or somebody might call the police, and could not sleep. After a few hours I was so tired that I rolled on my stomach and thought “well, ok, the police might come, so what? No need to be frightened, we just want to sleep here and are waiting for Alvise’s friend to arrive!” My fear vanished at once and until today I take this sleeping position whenever I want to fall to sleep at once.

The next day Alvise’s friend and his girlfriend arrived. They were not amused, behaved a little strange because they seemed to be afraid of some drug dealers of the man who might come to demand the money he owed them. We entered the house, he let the roller shutters down and we had to talk in a low voice, so that nobody in or outside the house would notice that there was somebody home. It was an extremely weird situation, I felt very uncomfortable, but trusted Alvise to make the right decisions. The Bavarian friend and his girlfriend behaved quite snotty and treated us like two poor little hippies in trouble. The stupid girlfriend never took off her wooden high-heeled clogs in the flat (I think not even in bed) and admonished us not to leave dirt on the floor or cause any other disorderliness.

We slept on our sleeping bags on the floor in the living room. Your father started to cry at night and we talked about his relationship to your mother. He told me how happy they had been together when you had been a little baby. He remembered that you had answered with cute baby sounds when they had talked to each other and to you at night. He loved his fiancé and had to realize that her love was gone. He felt betrayed and started to call all women false and “shit”. I was very sorry for him, but at the same time was excited about my personal adventure to be continued. Finally, the next morning we went to the main station and took a train to Naples.

I could not stop to look out of the window. Although the landscape was burnt from the August sun, I could see the beauty of your country which cannot be compared at all with the landscapes of my home, which are similar to England. Everything was completely different, especially the coulours of the ground, the olive trees and cypresses and the different facades of the southern houses. Behind Naples the train to Milazzo stopped every few kilometers without noticeable reason. There was a sweltering heat in the compartment, we kept mostly silent, drank water from a bottle and rolled one cigarette after another and smoked. Every once in a while your father cursed all women of the world and I protested vehemently. Sometimes we made each other laugh because of the absurdity of the situation.

It took hours after hours to get to Milazzo, we had not slept for more than 20 hours, but finally we took the Aliscafi ferry to Lipari. Late at night I saw your island for the first time and immediately fell in love with the cristal clear sea and the enchanting trees lined up at the main road of Canneto. I admired the white and pastel-coloured houses which reminded me of oriental houses. And I deeply breathed the mild mediterranian air. It seemed like an exotic paradise to me and I felt like being in a wonderful dream. In fact, I was overtired and had lost several kilos weight, felt quite weak and very exhausted.

At your father’s home it was nice and cool behind the thick walls of the basement. I walked bare feet on the filed floor and learnt to economise the precious water. There was no running tap water, it had to be pulled up with a bucket from a cistern reservoir under the house. The living room was on the first floor, it had a broad terrace on the roof of the basement to the seaside, on which you could sit and overlook the main road of the village which lead along the stony beach with some lovely blue and white fisher boats on it. I liked to sit there for hours and look to the left end of the bay where the main road slightly ascended towards the hill which seperated it from the white sandy beaches behind it, and to the right end of the bay, to a big hill between the village and downtown Lipari, the small seaport behind it. And my eyes could not get enough from the turquoise blue sea softly swooshing at the beach on the other side of the road.

On the second floor of Alvise’s house there was a one-room-appartment, where an old fisherman lived. He was sleeping almost all day long because he was fishing at night, and we had to lower our voices during daytime so that we did not wake him up. On the terrace of the house on the left there was a fat man sitting from the afternoon until late at night, being served with food by his mother from time to time, watching nosily what happened on the terrace of the “hippie’s” house next to his. He was an advocate, Alvise told me, and no, I should not ever say the word “mafioso” aloud again, whom he resembled me of.

There were some friends of Alvise coming to visit him almost every day. I got to know his best friend Galeano, who had just finished his military service, looking thoroughly fit with his cut short hair, with a broad grin like Fernandel, and his crazy younger brother Bartolino, who had long hair over his shoulders and looked rather skinny and wild, and also a shy young man from Milano who had Vitiligo, I forgot his name. They all treated me very kindly and respectfully (certainly because I was under Alvise’s protection) and I listened to their talks in southern dialect lasting for hours, from which I did not understand a word except “mintia, que biedou” or “bastardo” or “madonna”. We were hungry and Alvise asked me whether I would like to get some bread, butter and mortadella from the lady who had a shop downstairs. I practiced my first Italian sentence over and over “duocentocinquanta grammi di mortadella per favore”, went down into the shop to the signora and bought it. I was very proud that she had understood me!

The next few weeks we awaited my boyfriend to arrive (I did not really miss him, though) and I took part in every day life, a simple life without much money. The men went to casual work or fishing at night from time to time in a lent boat. They invited me once to join them, but I was afraid to spend the night on a little boat far away fromt he coast and watch the sophisticated techniques to catch tuna or swordfish. I managed to work on some semester work instead, sitting on the terrace in the back yard and was writing a lot. Bartolino was impressed: “Mintia, lei scrivere, scrivere, molto scrivere…”. We ate tomatoes and salad from Alvise’s garden behind the house at noon and simple meals at night, sometimes pasta, sometimes lenses and rice, and shared everything. Every once in a while Bartolino stole a watermelon from a shop downtown, which we shared at night.

I enjoyed the sea in front of the house every morning and swam long distances in the beautiful clear water, sometimes even the long way to Spiaggia Bianca, never looking down, because i was a little scared of what I might see in the very deep water below. My skin bronzed very quickly and I slept a lot in the long, extremely hot afternoons in Alvise’s house, before one could leave the house at night. Alvise and his friends sometimes took me for walks together on the main road late at night when the village had gone to sleep, because in the daytime too many eyes would have watched us suspiciously. We had a lot of fun talking,  making jokes and strolling around. It was obvious, that Alvise was a fascinating outsider in the village, who had shocked the local priest once with a big fresh painting of Jimmy Hendrix on the white wall of his house, on the day when a catholic procession walked by. Alvise’s friends admired him, he was the most educated of them all, even had leather books from Dante in a shelf at the wall (although I was not quite sure whether he had read them), and Alvise somehow carried the responsibility for the kids around him, except for Galeano, who seemed to be the only one to behave as an adult.

I was quite naïve and innocent at that time and wondered why I could not take a walk alone from Canneto to Lipari town whithout being stalked by young men in their little Fiats or on their motor cycles, even little boys making dirty comments, which I did not understand but which were clear.  I realized after a while that a single unattended girl walking outside in the village was an absolute exception in those days. Reputable girls did never ever leave the house alone! I was stubborn and continued my walks, saying “vai via Bastardo!” or “Stronzo!”

One day Alvise took me to his mother’s, your grandmother’s house.  She had a hoarse voice with a friendly expression on her face, I liked her at once. Alvise’s relationship to his mother was a little tense at that time because they had a difference of opinion on the house and property Alvise lived in and wanted her to sign over to him. She had been a primary school teacher, but unfortunately could not speak a word of German or English. And then I saw you, a tiny little girl with a round face, resembling your mother very much whom I had seen in Munich. We made friends immediately and later in Alvise’s house I felt that I had to protect you from the rude jokes and little games your father and the boys played with you. One afternoon, we took a walk by the seaside, you walked by my hand and all of a sudden you were frightened. I realized that it was because of our shadows, which the sun made on the pavements, and I said to you “no paura, no paura” and showed you with some movements that it was only our shadows. I took you in my arms, you calmed down and felt safe and so we continued the walk.

One day your mother arrived from Munich on a late afternoon. I observed the initial hellos of Alvise and her from a certain distance. She unpacked some presents which she had brought for her little daughter. It was a tiny Bavarian style dress and a matching little jacket. Your mother had gained weight meanwhile and Alvise started teasing her with “mei, bist’ a fette Sau geworden” (Bavarian for: my, you have become a rather fat pig). They laughed, but I could feel the tension behind it, which they tried to cover up. Alvise and your mother went on a trip together to Roche Rose a few days later, a last attempt of Alvise to persuade her to live together in Sicily. They came back jolly and chuckling later that night, but she had made up her mind long before the trip, to end the relationship with Alvise and leave her daughter at her mother-in-law’s house. After a week or two she departed and I never saw her again.

Dear Janis, I wonder what became of you, I heard from your father a few years ago, when I called him, that you are married to an englishman and that after your grandmother died you inherited her house which you rent to tourists every summer. How are you? In case you would like to contact me, I would love to talk to you and tell you some more stories of my adventures on the isole eolie in the summer of 1979.

Love,
Paula

Insel Lipari

Samstagmorgen in der Stadt

Endlich, man kann wieder UV-Strahlen einfangen, das alte lange Sommerkleid in Korallenrot passt noch einigermaßen, die Sonnenbrille ist noch nicht zu zerkratzt, man braucht keine Strumpfhosen mehr zu tragen und darf sich trauen, die weißen Oberarme und Unterschenkel zu zeigen. Zuhause gibt es jeden Tag Erdbeeren und frischen Salat, das Fenster nach Osten steht den ganzen Abend offen und die Mauersegler düsen in kleinen Verbänden jubelnd durch die Straßenschlucht, beflügelt von den warmen Aufwinden. Nachts tanzen zwei Libellen im Lichtschein der Straßenlaterne. Wunderbar, endlich Sommer!

Auf dem Schiff Linie 62 am Samstagmorgen ist kein Sitzplatz auf dem Oberdeck mehr frei, nur noch einer neben der Mülltonne, aus der es stinkt, also muss ich stehen. Trotz der Affenhitze füllt sich der gegenüberliegende Strand vor der Strandperle.Ufer II Am Anleger strömen die Leute mit den Badesachen zur Straßenkreuzung rechts in Richtung Freibad. Ich schwinge mich auf mein Fahrrad und trete in die Pedalen, 3. Gang, damit überhole ich alle und erreiche vor Ihnen den Eingang des Freibads. Nachdem ich das Fahrrad angeschlossen habe, schaffe ich es knapp  vor einem Mädchen, die den Platz für ihre 6-köpfige Familie reservieren will, mich in die 20 m lange Schlange einzureihen. “Ich war vor Dir da!” sage ich zu ihr, als sie sich vor mich stellen will. Sie entgegnet nichts, sondern guckt mich nur wütend an. Nach 10 Minuten in der prallen Sonne bei gefühlten 38° bin ich an der Kasse an der Reihe und finde dann einen Platz auf der Bank direkt am Beckenrand. Es ziehen bisher nur drei Schwimmer im Wasser ihre Bahnen, der Rest tummelt sich im Nichtschwimmerbecken und am Sprungturm. Nach einer ausgiebigen kalten Dusche tauche ins kühle Nass ein. Woah, tut das gut! Als ich knapp 400 Meter geschafft habe, streifen mich schon die ersten Bahnenschwimmer unter Wasser, die inzwischen dazu gekommen sind. Es wird Zeit, aus dem Wasser zu gehen und das Schwimmbad wieder zu verlassen.Bad IV Auf dem Weg zum  Schiff fahre ich an ein paar Marktbuden vorbei, die in der Finkenwerder Mittagshitze in einer kleinen Seitenstraße stehen. Die Marktstandverkäufer schwitzen in ihren Wagen und unter den Sonnenschirmen. Der Schweiß des dicken Bäckers fließt in Strömen, als er mir eine Tüte mit frischem Brot über den Tresen reicht. Im Supermarkt verweile ich ein bisschen länger als üblich, weil die Klimaanlage so schon kühlt. Auf dem Schiff zurück Richtung Landungsbrücken stapeln sich inzwischen die Touristen, es ist ein Stehplatz frei an einer Außentür, wo eine frische Brise mein Gesicht etwas kühlt.

Weil ich unbedingt ein neues Sommerkleid brauche, fahre ich noch in die Innenstadt und gehe ins Kaufhaus, ich muss gar nicht lange suchen, bis ich eines gefunden habe. Dieselbe Idee hatten offenbar viele junge Mädchen, die in der Schlange vor den Anprobekabinen warten. Nach 15 Minuten wird endlich eine frei. Auf dem Rückweg mit dem Fahrrad muss ich kurz Pause machen vor einem Café am Fleet an der Stadthausbrücke, um etwas zu trinken. Ich bestelle einen halben Liter Alsterwasser und bin schon nach einem Viertel leicht angetrunken, so dass ich das Glas gar nicht ausleere. Draußen laufen jetzt nur noch verschwitzte Touristen in der Stadt herum. Selbst Hunde meiden die Sonne und liegen nur noch flach auf dem kühlenden Pflaster. Ich schwinge mich wieder aufs Fahrrad und radele in leichten Schlangenlinien das letzte Stück am Michel vorbei in unser Viertel.

Was  bin ich froh, als ich unsere kühle Wohnung wieder betrete (unser Backsteinhaus hat dicke Mauern) und unter die Dusche gehen kann. Mit einem kritischen Blick in den Spiegel probiere ich das neue Kleid an. Hmm, es lässt fast den ganzen Rücken frei, ist fürs Büro also eher nicht geeignet. Was solls, dem Liebsten, der gerade aufgestanden ist, und mir gefällt es. Wir machen uns frischen Kaffee, essen Rosinenbrot mit Butter und bleiben den Rest des Tages in der Wohnung, bis abends endlich ein Gewitter für Abkühlung sorgt und der Regen auf unsere Straße prasselt.SAM_1110

 

Tonnentaschenfederkerne

Noch vor zwei Jahren glaubten wir, endlich das Glück des erholsamen Schlafes mit unserer neuen Matratze gefunden zu haben. Diese Wonne hielt nur etwa ein knappes Jahr an, dann war auch das neue gute Stück bereits durchgelegen. In der Mitte war die Mittelleiste des Lattenrostes spürbar, rechts und links rollten der Liebste und ich nächtens in unsere Kuhlen und konnten jeder nur relativ bewegungslos in einer bestimmten Stellung, wie in einer Hängematte, auf einer Seite schlafen. Unsere Nackenmuskeln fingen wieder an zu protestieren, es musste etwas passieren.

Wochenlang überlegte ich, ob vielleicht ein neues Lattenrost ausreichen würde, bis ich im RUDOLF-Versand ein kombiniertes Angebot sah, das vielversprechend war. Statt Sieben-Schichten-Komfort-Hartundweichzugleich-Super-Luxus-Matratzenprinzip eine Tonnentaschenfederkern-Variante, die ich immer schon einmal ausprobieren wollte. War ich doch in den Sechzigern mit Federkernmatratzen aufgewachsen. Das heißt, richtigen Federkernen aus Metall, die nach langjähriger Benutzung auch schon mal metallisch quietschen konnten und auf denen wir Kinder beim Betthüpfen fast mit dem Kopf gegen die Schlafzimmerdecke stießen. Sowas hatte ich im Hinterkopf, als wir das Tonnentaschenfederkerndings mit Lattenrost bestellten.

Gestern haben sie sie geliefert, unsere neue Matratze für betreutes Schlafen. Wir dürfen ab sofort einen Großteil des letzten Drittels unseres Lebens auf ihr verbringen. Sie ist doppelt so dick, d.h. doppelt so schwer wie die alte neue Matratze und gewöhnungsbedürftig. Die Tonnentaschen im Kern sind natürlich nicht aus Metall, hüpfen können wir auf der Matratze also leider nicht.Toll ist, dass das Bett nun eine Höhe hat, so dass die Füße ein Stück über dem Boden baumeln, bevor man mühelos wieder aufsteht. Das Spannbettlaken flutscht manchmal zurück, weil es nur noch knapp über den Ecken gespannt ist. Wenn man sich draufsetzt, sinkt man ziemlich tief ein. Wenn man draufliegt, fühlt sie sich jedoch ganz hart an und nur hervorstehende Körperteile wie Schultern und Hüften sinken in den Schaumstoff ein. Ganz schön klasse und ideal für die Wirbelsäule. Für den Liebsten, der um einige Kilo leichter als ich ist, fühlt sie sich an wie eine atmungsaktive Spanplatte, für mich wie ein flexibles Komfortschaumnest. Nur eines stört uns doch ein wenig. Dank des neuen, sehr flexiblen Lattenrostes hebt sich die gegenüberliegende Seite mit dem Partner zusammen ruckartig an, wenn der andere sich später schlafen legt. Beide Seiten schwingen dann etwas nach, wie ein Wasserbett. Zum Glück sind wir beide schwindelfrei.

Das Erben (3)

Wie teilt man ein Haus mit Grundstück auf, das von Mietern bewohnt wird?

Einige Monate lang bewegte sich nichts. Meine Schwester war bis auf Weiteres bereit, die Buchführung über die Mieteinnahmen zu erledigen und sich in wichtigen Entscheidungen, die die Mieter betrafen, mit mir abzustimmen. Konstruktive Vorschläge, wie unser Erbe aufgeteilt werden sollte, kamen von ihr jedoch nicht, sie verfolgte weiter ihre Strategie, das Problem möglichst lange auszusitzen und mich hinzuhalten. Ich brauchte qualifizierten Rat und rief den Vertreter des Haus & Grund-Vereins an, der schon meine Mutter jahrzehntelang beraten hatte. Er war bestens vertraut mit Erbauseinandersetzungen und schlug mir vor, von einer durch einen Gutachter ermittelten Summe 10 % für zu erwartende Nebenkosten und einen Zinsfaktor abzuziehen, die auf den auszahlenden Erben zukommen würden, und die Restsumme je zur Hälfte aufzuteilen. Falls meine Schwester damit nicht einverstanden sei, könnte ich eine Teilungsversteigerung vor Gericht erzwingen. Davon würde er mir aber eher abraten, weil das die Fronten zu sehr verhärten würde. Die dritte Möglichkeit für mich sei, den Spieß umzudrehen und ihr meinerseits genau die von ihr genannte Summe anzubieten.

Ein befreundeter Jurist riet mir ähnliches:

Eine Auszahlung des Erbes sollte nach fair verhandelten Bedingungen erfolgen, d.h. Ablass von 10% des Hauswertes für zukünftige Investitionen.

Ein Makler zum Verkauf des Hauses sollte zusammen schriftlich beauftragt werden, die Kosten für Gutachten und Verkauf geteilt, einem Verkauf des Hauses, auch unter Wert, von beiden Seiten zugestimmt werden und schließlich der Erlös 50:50 geteilt werden.

Den Spieß umzudrehen und meiner Schwester meinerseits eine Summe anzubieten, sei eher nicht ratsam, wenn ich dazu nicht wirklich bereit sei. Falls meine Schwester weiterhin eine faire Einigung aussitze, könnte ich durch einen beauftragten Rechtsanwalt eine Klage auf Erbauseinandersetzung und Teilungsversteigerung ankündigen.

Als das Ergebnis der Begutachtung unseres Hauses feststand, die ich auf eigene Kosten beauftragt hatte, teilte ich meiner Schwester mit, wie es ausgefallen war und dass ich die Hälfte des ermittelten Wertes im Falle einer Auszahlung meines Erbteiles von ihr erwarten würde. Der einzige Kommentar meiner Schwester dazu war, wir wollten uns wohl auf ihre Kosten „ein schönes Leben machen“ und sie sollte dafür „bluten“, und nannte mir erneut eine Summe, die noch nicht einmal einem Viertel des gutachterlichen Wertes entsprach, Gutachten hin oder her. Außerdem schlug sie mir vor, ich könnte ja meinen Teil des Hauses verkaufen, wohl wissend, dass das schlecht möglich war. Wer wollte schon freiwillig Mitglied einer Erbengemeinschaft werden, noch dazu von einem Haus mit Mietern? Ich nahm sie trotzdem beim Wort und bot einem Cousin an, mein Erbteil zu übernehmen und mir meinen Anteil abzukaufen. Er lehnte natürlich dankend ab. Seine Frau bot mir an uns zu helfen und zwischen mir und meiner Schwester zu vermitteln, was ich allerdings nicht für erfolgversprechend hielt. Inzwischen war seit dem Tod unserer Mutter fast ein Jahr vergangen und meine Schwester und ich waren in unserer Erbauseinandersetzung keinen Schritt weiter  gekommen.

Meine Schwester willigte nach einiger Zeit doch ein, das Haus mit Grundstück zu verkaufen. Ich hatte es inzwischen aufgegeben, ihre Beweggründe verstehen zu wollen. War ihr klar geworden, dass mein nächster Schachzug nur noch eine Teilungsversteigerung sein konnte, oder folgte sie einem Rat? Sie war jedoch zunächst nicht damit einverstanden, zusammen einen Makler zu beauftragen, die Kosten könne man ja sparen, indem man privat eine Anzeige aufgebe.

Es war abzusehen, dass ein Verkauf des Hauses mit den Mietern unserer Mutter keine leichte Aufgabe sein würde, ich wollte trotzdem nichts unversucht lassen, um eine Teilungsversteigerung zu vermeiden. Die Mieter, ein Ehepaar mit Hund, hatten bereits 16 Jahre lang das Erdgeschoss mit Garten bewohnt. Sie ließen sich durch einen Mieterverein beraten und kommunizierten wie bisher mit meiner Schwester, obwohl wir jetzt eine Erbengemeinschaft waren und dies mit einem Grundbuchauszugauszug des zuständigen Amtsgerichts belegen konnten. Ich wies Sie freundlich darauf hin, dass ich jetzt als Erbin auch ein Mitspracherecht hätte und an allen Entscheidungen beteiligt wäre.

Ich kontaktierte einen bekannten Makler aus dem Landkreis und war bereit, die entstehenden Kosten selbst zu übernehmen, um endlich voran zu kommen, und handelte einen Vertrag aus, der dem Makler eine Aufwandsentschädigung garantierte, falls wir bei einem privaten Verkauf erfolgreich sein sollten. Der Makler sollte das Haus im Internet annoncieren, Schilder im Garten aufstellen und die Besichtigungen durch Interessenten in Absprache mit den Mietern organisieren. Besichtigungen sollten höchstens zweimal im Monat erfolgen. Meine Schwester war schließlich doch damit einverstanden, den Makler zu beauftragen und den Vertrag mit ihm zu unterschreiben, da ihre Initiative mit einem privaten Inserat – wie zu erwarten – nicht zum Erfolg geführt hatte.

Mutters HausDer Makler delegierte die schwierige Aufgabe an einen Mitarbeiter und ließ ihm freie Hand. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Klagen kamen, sowohl von den Mietern als auch vom Makler. Der Mieter hätte aggressiv versucht, das Aufstellen eines Schildes im Garten zu verhindern und hätte frecherweise die Besichtigungen torpediert, indem er nicht mit abschätzigen Kommentaren geizte wie: „Das Haus ist nicht annähernd so viel wert wie im Angebot steht, es ist alt und marode“, oder „man müsste mindestens 20.000 bis 40.000 EURO in die Hütte stecken, um sie verkäuflich zu machen, das hat mir ein renommierter Handwerker aus dem Ort bestätigt.“ Schließlich „der Makler glaubt er sei was Besseres und ist arrogant!”

Der Makler war empört über das unverschämte Auftreten des Mieters, so etwas hätte er noch nie erlebt. Der Mieter könnte versucht haben, in der oberen Wohnung einen Wasserschaden auszulösen, da habe eine Schüssel im oberen Waschbecken gestanden und der Wasserhahn sei nicht abgedreht gewesen. Der Mieter beschuldigte seinerseits den Makler, einen Wasserschaden angerichtet zu haben, um ihn aus dem Haus zu treiben. Meine Frage, ob der Kollege Makler dem Mieter unautorisiert 5000 DM angeboten hätte, was dieser uns gegenüber behauptet hätte, beantwortete der Makler ausweichend und reagierte verärgert. Seine Firma sei jedenfalls nicht mehr bereit das Haus mit diesem I*****n als Bewohner zu verkaufen, er habe die Faxen dicke.

Schließlich mussten meine Schwester und ich auch noch feststellen, dass bei einer der Besichtigungen irgendjemand lange Finger gemacht hatte, weil ein silberner antiquarischer Salzstreuer vom Buffet unserer Mutter fehlte. Außerdem war und blieb einer der Wohnungsschlüssel, die wir dem Makler ausgehändigt hatten, verschwunden, so dass wir überlegen mussten, das Wohnungsschloss auszutauschen. Nach Monaten mit Hiobsbotschaften, abenteuerlichen Anschuldigungen und gegenseitigem Misstrauen von allen Seiten wurde es allerhöchste Zeit für ein konstruktives Gespräch mit den Mietern, um mit ihnen zusammen mit meiner Schwester über eine Beendigung des Mietverhältnisses zu verhandeln.

Mein Anwalt hatte mir zwar angeboten, bei dem Gespräch dabei zu sein, riet mir aber davon ab, um die Mieter nicht unnötig unter Druck zu setzen. Mein Mann und ich fuhren zum vereinbarten Gesprächstermin, der im im Wohnzimmer der Mieter stattfand. Meine Schwester erschien nicht wie vereinbart zu unser aller Überraschung. Wir führten ein sehr langes Gespräch, in dem ich dem Ehepaar versicherte, sie nicht aus der Wohnung vertreiben zu wollen und die gesetzlichen Regeln einzuhalten, der Makler sei uns als seriös empfohlen worden und eigentlich nicht für schmutzige Methoden bekannt. Schließlich seien sie unserer Mutter 16 Jahre lang gute Mieter gewesen. Sie sagten, dass sie nach der Beerdigung unserer Mutter gar nicht damit gerechnet hätten, dass wir Kinder das Haus verkaufen wollten und hätten nächtelang nicht schlafen können, weil der Makler solchen Druck ausgeübt hätte. Sie verstanden zum ersten Mal die Kompliziertheit der Situation und erfuhren vom Streit zwischen uns Geschwistern und der rechtlichen Lage. Sie konnten nachvollziehen, warum es nicht in meinem Interesse lag, Eigentümerin des Hauses zu bleiben, und erfuhren zum ersten Mal, dass ich in der Großstadt in bescheideneren Wohnverhältnissen als sie lebte, ohne Balkon, Garten oder Terasse auf erheblich weniger Quadratmetern. Sie signalisierten sogar die Bereitschaft, nach einer Kündigungsfrist von 12 Monaten mit einer angemessenen Entschädigungszahlung auszuziehen und nannten mir einen Kostenvoranschlag einer Umzugsfirma, legten sich aber noch nicht auf einen Betrag fest. Ich hatte das Gefühl, wir würden uns schon einig werden. Auch wenn die Geschichten über die nicht von uns autorisierten Methoden des Maklers abenteuerlich und übertrieben klangen, wurde klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Mit Mietern war das Haus unverkäuflich.