Lieben Sie Jazz? (2)

Grooven Sie sich mal den Kopf frei und füllen Ihre leeren Batterien wieder auf, mit Jazz! Hier ist was Relaxtes, sehr Amerikanisches, dabei kann man sehr gut malen, kochen, irgendetwas anderes tun oder einfach auf dem Sofa liegen, die Augen schließen und zuhören: diese vier älteren Herren verstehen etwas von ihrem Handwerk und es hört sich so an, als sei das ganz leicht zu spielen: FOURPLAY.

 

Nostalgieküchen (4)

Gesa hat mich inspiriert mit ihren “Nostalgiebetten”, mich an die diversen Küchen zu erinnern, in denen ich gegessen, gekocht, gelebt habe.

Die vierte Küche meines Lebens war ziemlich komfortabel. Sie befand sich im ersten Stock eines neuen Studentenwohnheims, in dem ich gleich im ersten Anlauf ein Zimmer ergattert hatte, obwohl diese Mitte der 70er Jahre in Hamburg schon sehr begehrt waren. Die Bewohner waren zu 80% Musikstudenten und kamen zu 20 % aus anderen Fachrichtungen wie Medizin, Germanistik, Pädagogik oder Naturwissenschaften. Die meisten waren Deutsche, aber es gab auch einige Kommilitonen aus Israel, Ungarn und anderen europäischen Ländern. Auf meinem Flur wohnten 5 andere Studentinnen und Studenten, man teilte sich eine Dusche im Flur zu sechst und eine große Küche mit insgesamt 15 Bewohnern. Die Küche war mit allem ausgestattet, was man zu kommunikativen Frühstücken und Abendessen benötigte. Jeder hatte ein eigenes Schrankfach und ein Fach im Kühlschrank, Herd und Spüle waren modern und die Arbeitsflächen unter den Fenstern hatten die richtige Höhe. In der Essecke standen geschmackvolle skandinavische Küchenmöbel, so dass bei den Mahlzeiten alle entspannt um einen großen Holztisch herum sitzen konnten.

Im Flur auf dem Weg zur Dusche hörte man manchmal unsere Gesangsstudenten trällern, man besuchte sich gegenseitig oder traf sich abends nach dem Essen im Fernsehzimmer im Erdgeschoss, um gemeinsam Nachrichten oder auch mal eine Kindersendung anzugucken. Hier sah ich zum ersten Mal „Sesame Street“ in der Originalversion und lachte mich zusammen mit den anderen schlapp über die witzigen Dialoge von Ernie und Bert.

Das Leben im Studentenwohnheim war angenehm und privilegiert, die Mischung der Bewohner war inspirierend, besonders die leicht verrückten, extrovertierten Künstler sorgten für Leben im Haus. Ich konnte gut allein in meinem Zimmer sein und in Ruhe am Schreibtisch vor dem großen Fenster mit Blick auf einen kleinen Balkon arbeiten (oder so tun als ob), oder mich in der Küche oder im Fernsehzimmer mit anderen treffen. Jeder konnte auch die Übungsräume für die Musikstudenten im hinteren Teil des Gebäudes nutzen, wo einige Klaviere standen. Eine Zeit lang spielte ich mehr Klavier als mich für meine Seminare vorzubereiten. Die Zimmer waren billig, Studentenpreise um die 80,00 DM, und das Haus war unbewacht und stand tagsüber offen für jedermann, das Büro des Pförtners war meistens unbesetzt. Der Weg zur Uni war nicht allzu weit, 20 Minuten mit der Straßenbahn.Wohnanlage-Grandweg-KuecheGleich bei meinem Einzug sprach mich auf der Treppe ein Schweizer Musikstudent an: „Hallo, ich bin der Nänni, und wer bist Du?“ Damals wusste ich noch nicht, dass die Studentenwohnheime beliebte Jagdreviere für alle möglichen Typen auf der Suche nach One-Night-Stands oder Bratkartoffelverhältnissen waren. Ich war arglos und freute mich über jeden freundlichen Kontakt. Mit Nänni hatte ich Glück, er war ein Gentleman. In kurzer Zeit lernte ich Anne, fleißige Medizinstudentin mit Hornbrille, Christina, eine Musikpädagogik-Studentin mit feuerroten Haaren, die nie Zeit hatte und immer durch die Gänge hetzte, Janos, einen sehr jungen ungarischen Geiger mit dunklem Teint und schwarzen Kringellocken, der Jimi Hendrix sehr ähnlich sah, und Zvi, einen älteren israelischen Naturwissenschaftler aus meinem Flurabschnitt kennen.

Im ersten Jahr kochte ich überhaupt nicht in unserer Gemeinschaftsküche, sondern stocherte mittags im Mensaessen in der Uni herum und traf mich abends mit den anderen zum Abendbrot am Esstisch. Das Essen selbst war überhaupt nicht wichtig, das Erzählen und die Diskussionen über Gott und die Welt umso mehr. Mit Zvi über Politik zu reden war am interessantesten, er diskutierte gern stundenlang, mit Schaum in den Mundwinkeln und ausdrucksreichen Gesten seiner Hände. Dabei kam er immer verdächtig nah an mein Gesicht heran und spuckte dabei kleine Tröpfchen, seine Art der Annäherung, die jedoch nicht zum Erfolg führte. Janos war der sensibelste von allen, er sah immer traurig aus und redete nicht viel, rauchte dafür umso mehr selbstgedrehte Zigaretten. Er quälte sich durch sein Musikstudium, weil seine Eltern sehr hohe Erwartungen an ihn stellten. Es hieß, er sei ein Wunderkind gewesen und der beste Geiger an der Hochschule. Er wurde eine Zeitlang mein bester Freund, mit dem ich offen reden konnte.

Der Nänni wohnte auch im Haus, hatte ein Zimmer neben seiner Freundin und kam manchmal vorbei, wenn sie an der Uni war. Er brachte mich immer zum Lachen, wenn er seine Kommilitonen karikierte, von seinen Missgeschicken berichtete oder von seiner Faulheit, regelmäßig Klavier zu üben. Er war wie die meisten Männer im Haus ein großer Junge, sah trotz seines fliehenden Kinns und seiner großen Nase gut aus mit seinen braunen Augen und längeren schwarzen Haaren über den Ohren, wie es damals modern war, und sein kehliger schweizerischer Dialekt an sich klang sehr komisch. Nänni brachte mich der Klaviermusik näher, er war zu der Zeit Fan von Thelonius Monk und bewunderte Friedrich Gulda. Wenn er mich manchmal mit in ein Programmkino nahm, wo wir die Marx-Brothers oder Filme von Jaques Tati guckten, hatten wir eine Menge Spaß an der skurrilen Komik. Nänni wurde von seinem großen Bruder finanziert und schien überhaupt keine Idee zu haben, was er einmal mit seinem Talent und seinem Leben anfangen würde.

So ähnlich erging es mir auch. Durch den BAFöG-Höchstsatz war ich finanziell unabhängig, wenn ich sparsam lebte. Die damalige laxe Studienordnung ermöglichte mir, semesterlang ohne konkreten Plan in den Tag hinein zu studieren und in fremde Fachrichtungen hineinzuschnuppern. Die ersten Scheine erwarb ich erst im dritten Semester.

Gleich in der ersten Woche an der Uni lernte ich Frankie in der Mensa kennen, einen 30 Jahre alten karibischen Schauspieler, Filmemacher und Autor (laut eigener Aussage), der lange in England gelebt hatte. Ich schrieb gerade per Hand einen Brief an meine Mutter an einem Mensatisch, er sagte „I know“ und ich fragte mich naiv wie ich war nicht, wie er das wissen konnte. Zu meinem Erstaunen kannte er sich bestens in unserem Studentenwohnheim aus, war auch mit einigen Bewohnerinnen bekannt und nahm mich in einem kleinen Fiat mit zurück ins Wohnheim.

Schon bald wurde klar, was Frankie wollte. Er brauchte ein Zimmer für gelegentliche Übernachtungen und für seine Freunde aus aller Welt, die manchmal zu Besuch kamen und auch unsere Küche benutzten. Ich mietete ohne bürokratische Hindernisse ein zweites Zimmer, was gerade im Erdgeschoss frei geworden war, und lernte auf diese Weise einige von Frankies Freunden kennen. Da war Jock, ein englischer Schlagzeuger, der versuchte in Hamburg musikalisch Fuß zu fassen, völlig abgebrannt war und von gelegentlichen Gigs als Schlagzeuger lebte. Dann kam für eine Woche Winston, der Maler, Frankies jüngerer Brüder aus London zu Besuch. Ich ließ mich dazu überreden, ihm in unserer Küche einen heißen Kakao auf karibische Art mit Muskatnuss zuzubereiten und am ersten Morgen zwei frische Brötchen dazu in sein Zimmer zu bringen. Winston bedankte sich überschwänglich und versuchte gleichzeitig auszuloten, ob ich noch zu weit mehr bereit sein würde, als ihm ein Frühstück zu servieren. Ich ging auf Distanz.

Und dann kam Claude, ein liebenswürdiger, alternder amerikanischer Jude, der mit einem klapprigen Wohnmobil ursprünglich Israel und dann Europa bereist hatte. Claude war fast mittellos und schlug sich irgendwie durch. Er lief meistens in einem zu engen, speckigen Trenchcoat herum, der sich über seinem Bauch spannte, seine öligen nach hinten gekämmten Haare lichteten sich schon bedenklich und seine dicke alte Hornbrille rutschte meistens auf die Nasenspitze und war oft beschlagen. Er gab mir väterliche Ratschläge in seinem sehr nasalen New Yorker Slang und versuchte mich vor Frankie zu warnen. Dessen literarische Gedichte und Songtexte seien in Wahrheit „Smut“, mein Englisch sei nicht gut genug, um das zu bemerken. Ich solle mich vor ihm hüten, wenn er von Liebe spreche. Claude musste einige Tage warten, bis das Zimmer im Erdgeschoss frei wurde, und so ließ ich ihn zwei Nächte in meinem Zimmer auf dem Fußboden auf einer Isomatte schlafen und dachte mir nichts dabei. Es war auch nichts dabei, aber einer meiner Mitbewohner von unserem Flur kam eines Tages in mein Zimmer und machte Andeutungen mit mir schlafen zu wollen, weil ich ja mit jedem…..Erst da wurde mir klar, was für ein Image ich mittlerweile im Studentenwohnheim hatte. Sie konnten mir alle mal den Buckel herunterrutschen, sollten sie doch denken was sie wollten.

Claude blieb einen Sommer lang, und irgendwann fiel dies auch meinen Mitbewohnern auf, spätestens als er in unserer Küche einen Hasen zerlegte. Er hatte nachts auf einer Landstraße im Norden Hamburgs aus Versehen einen Hasen tot gefahren und beschlossen, ihm das Fell abzuziehen und ihn zu braten. Unsere Küche sah aus wie ein Schlachtfeld und roch erheblich nach Knoblauch, Claudes Lieblingsgewürz. Das war zuviel! Ich telefonierte einen Abend lang Frankie hinterher, bis ich ihn schließlich dazu bewegen konnte, Claude klar zu machen, dass er nicht länger im Studentenwohnheim wohnen könne. Ich verabschiedete mich nicht ohne schlechtes Gewissen und auch einwenig traurig von ihm, wünschte ihm alles Gute und sah ihn nie wieder.

Frankie war bereits längere Zeit in unserer Stadt und kannte schöne Orte wie den Elbstrand, interessante Kinos und Theater, so dass ich mich allmählich mit ihm zusammen aus meinem Schneckenhaus im Studentenwohnheim heraus traute und das Großstadtleben entdeckte. Er versuchte einen älteren Film von sich zu verkaufen und hatte ein LP-Musikprojekt, Sprechgesang mit Gedichten, zusammen mit Rockmusikern am Laufen (mit Rap hatte das nichts zu tun, er war völlig unmusikalisch), nahm mich oft mit zu Musikverlagen, zu einem Radiosender oder in Übungsräume. Ich übersetzte manchmal und versuchte mich irgendwie nützlich zu machen, um nicht immer nur hübsches Beiwerk zu sein.

Mir ging es nicht gut, das Studium machte mir auch nach einem Jahr keinen Spaß und ging nicht recht voran, meine Freunde aus meiner Heimatstadt hatten sich von mir getrennt, meine Besuche zuhause an den Wochenenden waren selten geworden. Und Frankie war oft wochenlang von der Bildfläche verschwunden und nicht zu erreichen. Meine Mitbewohner lebten jeder für sich in ihren Zimmern, aus den guten Bekanntschaften waren keine echten Freundschaften geworden, und mein bester Freund Janos war ausgezogen.

Eines Tages kam Barbara, eine gute Bekannte von Frankie vorbei und fragte ohne Umschweife: “Sag, mal, ist Frankie eigentlich Dein Freund, teilt ihr auch das Bett miteinander?“ Ich antwortete: “Natürlich, ich dachte das wüsstest Du, Du bist doch seine beste Freundin?“ Sie, gequält lächelnd: “Beste Freundin, dass ich nicht lache, ich bin seine Freundin, seit über zwei Jahren!“ Wir holten uns eine Flasche Wein und beschlossen, über die Peinlichkeit der Situation hinweg zu trinken und uns gegenseitig zu unserer Blödheit zu gratulieren, tatsächlich geglaubt zu haben, die andere sei „nur eine gute Freundin“. Wir hatten sogar auf Frankies Anregung hin gemeinsame Ausflüge mit Jock zusammen unternommen und uns ein wenig angefreundet. Barbara und ich leerten die Flasche Wein bis zum letzten Tropfen, als sich die Küchentür öffnete und Frankie erschien. Wir brauchten ihn nur anzusehen und er erfasste sofort die Situation, schlich rückwärts wieder aus der Tür und wurde einige Wochen lang von keiner von uns gesehen.

Ich verbrachte noch drei weitere Jahre in diesem Studentenwohnheim bis kurz vor dem Examen, und kochte manchmal mehr oder weniger lustlos in der Gemeinschaftsküche, meistens dasselbe Gericht: Kartoffelbrei und Porreegemüse mit Butter, das einzige außer Pfannkuchen oder Rührei, was ich beherrschte. Bis ich meine neuen Freunde kennenlernte und wir in eine Wohngemeinschaft auf dem Land zusammenzogen. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Rüber auf die andere Seite

Wenn man wie ich aus Schleswig-Holstein stammt und dann Hamburger Deern geworden ist, braucht man eigentlich keine anderen Bundesländer mehr, wenn man sonntags Gegend oder Wasser angucken möchte. Auch weil ich immer an Gerhard Schröder und das langweilige Hannover denken musste, kam Niedersachsen in unseren Ausflugsplänen nie vor. Es reichte uns schon, wenn wir die Schwiegereltern dreimal im Jahr in Nordniedersachsen besuchen und dafür endlose Kilometer auf einsamen Landstraßen zurücklegen mussten.

Seit gestern bin ich Niedersachsen-Fan, denn jetzt fährt sie wieder, eine Fähre von Brunsbüttel nach Cuxhaven, nachdem der Fährbetrieb 15 Jahre lang nach der Pleite der letzten Reederei eingestellt war. Schon als Kind habe ich mir gewünscht, wenn ich bei Neufeld auf dem Deich am nördlichen Elbufer stand, einmal auf die andere Seite zu fahren und zu gucken, wie es da aussieht, aber in den 60er Jahren gab es noch keine Fährverbindung. Und 1969, als die erste Fähre fuhr, wollte ich nur noch weg von der Nordsee mit ihren langweiligen Deichen und dem öden Grasvorland. Kein richtiger Sandstrand, keine Bäume, braunes Meerwasser, gähn! Die Ostsee wurde mein Sehnsuchtsziel. Dass es oben in Nordfriesland ganz anders aussieht, wusste ich damals noch nicht, weil unser Standard-Ausflugsziel zuhause am Sonntag die Schleusen am Nord-Ostsee-Kanal in Brunsbüttel waren.

Unsere Fähre hieß “Grete”, ein schöner Name für ein schönes, eigentlich estnisches Schiff, das für eine deutsche Tochtergesellschaft einer Estnischen Reederei fährt. Grete hat skandinavischen Charme und ist ganz gut in Schuss. DSCN0697Es gibt auf dem Schiff alles, was man für eine kurze Reise übers Meer braucht, bequeme Sessel, frische Würstchen mit Kartoffelsalat, ein hübsches Café, saubere Toiletten und zwei Decks, auf denen man spazieren kann, um sich den Wind um die Nase wehen zu lassen und zu fotografieren.DSCN0701

DSCN0709Die Reise war gleichzeitig kurz und lang genug, links ist das Elbufer, rechts die Nordsee zu sehen, 80 entspannte Minuten Überfahrt bis zum Ziel Cuxhaven. Wer möchte, kann mit Grete  oder mit Schwesterschiff Anne-Marie in die Gegenrichtung zurück fahren.DSCN0706Cuxhaven kann man getrost rechts liegen lassen, da gibt es viel schönere Nordseebäder in Nord- und Ostfriesland. Es empfiehlt sich, lieber weiter auf der Autobahn nach Bremerhaven zu fahren, nach 40 Kilometern kommt man direkt am Hafen an. Der ist zwar nicht so touristenkompatibel und spektakulär wie der Hamburger Hafen, hat aber durchaus seinen Reiz. Ich könnte mir sogar vorstellen, dort ein paar Tage Urlaub zu machen. Ein paar Bäume könnten sie aber schon noch anpflanzen, die Bremerhavener!

Buttke hat Angst (2)

Es ist Sonntagmorgen und es klingelt an unserer Wohnungstür. Ich stelle meine Tasse mit dem Morgenkaffee kurz ab, streife meine Jeans über, schlüpfe in meine Hausschuhe und öffne die Tür. Es ist Buttke von nebenan. „Sie wollen das Haus in die Luft sprengen, wir müssen schnell raus, bevor alles in die Luft fliegt, ick hau jetz ab und geh nach draußen!“ sagt er mir mit Panik im Blick und eilt die Treppe nach unten herunter. „Ach, Herr Buttke, Sie sehen Gespenster! Niemand will das Haus in die Luft sprengen!“ rufe ich ihm hinterher, aber da ist er schon weg.

Eine halbe Stunde später ist er wieder zurück, klingelt erneut an unserer Tür und sagt, schwer atmend vom Treppensteigen: “ Ich kann nich mehr in meine Wohnung rein, der Schlüssel steckt von innen.“ Ich seufze tief und denke kurz nach, sage dann: “Also, man könnte ja den Schlüsseldienst rufen, aber das ist teuer. Was ist denn mit dem Hausmeister, hat der einen Generalschlüssel, mit dem er in Ihre Wohnung reinkommt?“ Buttke bejaht und ich erkläre mich bereit, seine Telefonnummer herauszusuchen und ihn anzurufen. Buttke wartet derweil im Flur. Ich finde tatsächlich die Mobilnummer des Hausmeisters, wissend, dass er im Norden von Hamburg, also nicht in der Nähe wohnt und rufe ihn an. Er antwortet sofort und ich entschuldige mich für die sonntägliche Störung. Er sagt: “Ach, der Buttke, immer am Sonntag, das kenne ich schon. OK, ich bin in einer halben Stunde da.“

Buttke sitzt inzwischen im Zwischengeschoss auf einer Treppenstufe und wartet. Ich überlege kurz, ob ich ihn in unsere Wohnung bitten soll, und beschließe, das lieber nicht zu tun, weil er mir nach wie vor nicht besonders sympathisch ist, und biete ihm stattdessen im Flur einen Hocker mit Kissen an und eine Tasse Tee. Er bleibt lieber weiter auf der Treppe sitzen. Fünf Minuten später bringe ich ihm heißen Tee mit Zucker, er leert den Becher in einem Zug und verschüttet etwas auf der Treppe, und ich stelle mich neben ihn auf Augenhöhe, ein paar Stufen tiefer. Ich frage ihn: “Sagen Sie mal, was ist denn das mit Ihrer Angst, woher kommt denn das? Haben Sie früher mal was Schlimmes erlebt?“ Er antwortet ohne Umschweife: „Ick war mal im Knast in Bautzen, 30 Monate lang.“ Ich meine: “Das ist ganz schön lange, 30 Monate, und wofür haben Sie gesessen?“ Und dann erzählt er mir eine Geschichte von einer misslungenen Flucht aus der DDR mit seiner früheren Freundin, die ich mir aus seinen Satz- und Wortfetzen zusammenreimen muss, weil er berlinerisch nuschelt und ziemlich schnell, abgehackt und leise spricht. Damals in Berlin hätten die Behörden ihm nach dem gescheiterten Fluchtversuch den Wohnungsschlüssel abgenommen und Berlin-Verbot erteilt, so dass er eine zeitlang nur auf den Dörfern in Brandenburg arbeiten durfte. Dann erfahre ich noch einiges aus der Zeit nach der Wende, als er legal nach Hamburg umziehen konnte. Er kann mir nicht erklären, warum ein Berliner unbedingt nach Hamburg gehen will, ich möchte es aber auch nicht so genau wissen.

Ich frage ihn nach seinem Beruf, er erzählt ein bisschen von seiner Arbeit im Osten als gelernter Schmied und von seinen späteren Jobs in Hamburg in der ersten Zeit nach der Wende als Bauarbeiter. Und dann komme ich auf seine Freundin Sabine zu sprechen und wie schlimm das damals war, als sie starb und die Rettungssanitäter sie nicht wiederbeleben konnten. „Ja, Sabine war ja auf Tabletten.“ Ich antworte: “Und Alkohol doch auch, nicht?“ Buttkes Gesichtsausdruck verdüstert sich und er wird leiser: “Ja, dett war schlimm, da war nischt mehr zu machen!“ Ich frage ihn, wie sie sich damals kennengelernt hatten, hier in Hamburg. „Na, wir haben uns auf ne Party kennen jelernt, einfach so, et hat sofort jefunkt und dann später haben wir zusammen auf der Bühne jeschlafen.“ Ich frage nach: “Auf der Bühne, wie? In einem Club?“ Buttke mit Schalk in den Augen und grinsend: “Ja uff der Reeperbahn. Von irjendwatt muss man ja leben, nich!“ Ich ahne, dass er Ficken auf einer Bühne vor Publikum meinen könnte, weil er „Schläfer“ sagt, frage aber nicht noch einmal nach.

Buttke fragt mich nichts, er ist in Gedanken versunken, seine Panik vom Morgen aber ist verflogen. Ich versichere ihm, dass der Hausmeister sicher bald komme. Nach dreißig Minuten ist er da, etwas außer Atem, aber trotzdem nett, wie immer. Er macht sich gleich an die Arbeit und probiert verschiedene Schlüssel aus, ich stelle meine Hilfe weiterhin zur Verfügung und ziehe mich kurz zurück in unsere Wohnung. Nach drei Minuten klingelt der Hausmeister an unserer Tür und ich öffne. Buttke ist schon wieder auf dem Weg die Treppe hinunter und will nicht in seine Wohnung zurück. Der Hausmeister ist etwas aufgebracht, seine Stimme wandert eine Etage höher: „Das ist eine Marke, was, ich habe die Tür auf bekommen, und da zieht er doch tatsächlich seinen Haustürschlüssel aus der Hosentasche und schließt die Tür von außen ab. Der Schlüssel steckte gar nicht von innen!“ Buttke hält auf der Treppe nach unten inne und grinst, so als hätte er die ganze Zeit gewusst, dass sein Schlüssel in seiner Hosentasche steckte.

Der Hausmeister und ich versuchen gemeinsam, Buttke zu überreden, doch jetzt in seine Wohnung zu gehen, da seien keine Terroristen, wir würden auch mit ihm hineingehen und nachsehen. Buttke antwortet von einer Treppenstufe weiter unten stehend: “Nee. Ick muss an die frische Luft, ick geh jetz wieder raus.“ Hausmeister: “Aber, Du bist doch sowieso den ganzen Tag draußen an der frischen Luft, wo willst Du denn jetzt hin?“ Keine Antwort. Der Hausmeister und ich sprechen noch eine Weile miteinander, Buttke hört zu. Wir kommen überein, dass Buttke an Angst- und Panikzuständen leidet und Angst hat, in seine Wohnung zu gehen, und dass er Hilfe brauche, weil das immer schlimmer würde. Buttke sagt ziemlich bestimmt: “Ick bin nich krank!“ und geht die Treppe hinunter.

Der Hausmeister ist ratlos. Ich meine, dass Buttke ärztliche Hilfe und nicht Hilfe durch die Polizei brauche, und die Betreuungsstelle im Bezirksamt sich offensichtlich sehr viel Zeit lasse, in Aktion zu treten. „Meinen Sie, dass er dement ist?“ fragt er mich. Ich vermute, eher nicht, aber ich sei kein Arzt. Der Hausmeister gibt noch zu bedenken, dass Buttke ja keine Gefahr für die Öffentlichkeit sei, nur für sich selbst, aber er sei ja noch ziemlich gut zu Fuß. „Genau“, meine ich, „deshalb ist das ja auch nicht Sache der Polizei.“ Dann erzählt er mir noch, dass Buttke auch von der Nachbarin im zweiten Stock neulich schon eine warme Mahlzeit bekommen habe und er schon irgendwie zurecht komme. „Von mir auch, das soziale Netz funktioniert hier im Haus also ganz gut!“ meine ich. Wir verabschieden uns voneinander und lassen die Angelegenheit erst einmal auf sich beruhen.

Später stecke ich Buttke einen Zettel mit der Adresse vom CaFée mit Herz, ganz in der Nähe gelegen, an seine Wohnungstür, damit er dort wenigstens regelmäßig etwas zu Essen bekommt. Abends ist der Zettel verschwunden.

Buttke hat Angst

Er wohnt auf unserer Etage, man sieht und hört ihn kaum, als müsste er sich verstecken oder unsichtbar machen. Immer wenn ich die Treppe reinige oder die Wohnung verlasse, habe ich das sichere Gefühl, dass er mich durch sein Guckloch beobachtet. Buttke ist alt geworden, 74 Jahre, Berliner Ossi vom Prezlauer Berg, der nach der Wende rübergemacht hat und seit 20 Jahren in Hamburg wohnt. Vor 17 Jahren zog er in unser Haus ein, zusammen mit seiner Freundin. Er war mir gleich unsympathisch, ein kleiner kräftiger Mann mit schlauen braunen Augen, der sich wie ein Zuhälter kleidete und ständig nach Schnaps roch. Seine jüngere Freundin war schwer alkoholabhängig und schleppte sich schwankend mit ihm zusammen in unser Stockwerk. Einen Sommer lang konnte man die beiden durch die hellhörigen Wände und geöffneten Schlafzimmerfenster streiten, schreien und kämpfen hören. Wenn es eskalierte, stießen beide wüste Drohungen aus wie “wenn Du abhaust, mach ich Dich kalt, Du Schlampe” oder “Du bist doch der letzte Dreck, Buttke!” Wir waren immer kurz davor die Polizei zu rufen, bis sie sich wieder beruhigt hatten.

Eines Nachts vor ungefähr 15 Jahren hörten wir hektische Geräusche auf dem Flur vor unserer Wohnungstür. Buttke stürzte mit schreckgeweiteten Augen aus der Wohnung, klingelte bei allen Nachbarn und rief “Hilfe, Hilfe, Sabine ist…!” Ich stand ein paar Sekunden am Guckloch unserer Wohnungstür und zögerte, ob ich Buttke helfen wollte oder nicht, als auch schon der Notarzt und die Feuerwehr eintrafen. Sie versuchten eine halbe Stunde lang Buttkes Freundin im Flur seiner Wohnung wieder zu beleben. Es war zwecklos, zu spät, sie war tot, nichts mehr zu machen.

Dann wurde es still um Buttke, man sah und hörte ihn einige Jahre lang überhaupt nicht, nur manchmal nachts, wenn er in seiner Küche nebenan Radio hörte oder ein Wasserhahn lief. Wir trafen ihn nur ab und zu auf der Treppe und bemerkten, dass er sich verändert hatte. Er roch nicht mehr nach Alkohol, hatte seine Zuhälterklamotten abgelegt und grüßte knapp, aber höflich. Einmal fragte er mich im Vorbeigehen “sind wir jetzt Feinde?” Ich verneinte, aber blieb trotzdem distanziert und ebenfalls höflich. Wenn es um die Treppenhausreinigung ging, steckte ich ihm einen Zettel an die Tür. Er war bereit sich daran zu beteiligen und setzte das auch einige Jahre lang sporadisch in die Tat um. Bis er nicht mehr konnte.

Er war nach dem Tod seiner Freundin schwer krank geworden und einige Male monatelang im Krankenhaus behandelt worden. Meinem Mann erzählte er bei einem der Gespräche auf der Treppe, dass er starke Durchblutungsstörungen in den Beinen habe und schlimme Herzprobleme. Viele Jahre lang verließ er einmal am Tag gegen Mittag seine Wohnung und kam irgendwann spätnachmittags mit einer PENNY-Plastiktüte zurück, viel war nie drin. Mit vielen Pausen schleppte er sich dann stöhnend die Treppen hinauf zu seiner Wohnung.

Seit einigen Wochen kommt die Polizei regelmäßig in unser Stockwerk. Beim ersten Mal wurde sie von unserem Hausmeister gerufen, weil Buttke nicht wie sonst seine Miete am Ersten im Verwalterbüro abgeliefert hatte. Die Wachtmeister befragten meinen Mann, ob er ihn kenne und wüsste, wo er sei. Mein Mann konnte nur vermuten, dass er vielleicht irgendwo draußen einen Zusammenbruch erlitten habe, weil er starke Herzprobleme habe und den Eindruck mache, dass er sich nicht mehr richtig selbst versorgen könne.

In den letzten beiden Tagen hat Buttke selbst zweimal die Polizei um Hilfe gerufen. Beim ersten Mal war er davon überzeugt, dass Einbrecher in seiner Wohnung seien, beim zweiten Mal, dass Einbrecher unten im Keller eingedrungen wären. Die jungen Beamten waren sehr nett, bemerkten wohl, dass mit Buttke etwas nicht stimmt, aber leuchteten mit einer Taschenlampe die Ecken seiner Wohnung aus und versprachen auch im Keller nachzusehen.

Gestern klingelten sie an unser Wohnungstür und fragten mich, ob ich Herrn Buttke kenne und ob wir manchmal nachbarschaftlichen Kontakt hätten. Buttke stand neben einem der Beamten, immer noch mit angstgeweitetem Blick, klein und dünn – und ich erkannte ihn nicht wieder. Ich beantwortete die Fragen des Beamten und fragte “und wer ist der Herr hier?” “Das ist Herr Buttke!” Ich entschuldigte mich, dass ich ihn gar nicht wieder erkannt habe und fragte ihn, wo er denn die ganze Zeit gewesen sei und ob wir ihm nachher beim Einkauf etwas mitbringen könnten. Er antwortete im Beisein der Polizisten: “Ick war krank” und “Ick hab keen Jeld, ick hab mir een Handy jekooft und nun isset alle.” Ich meinte, das sei kein Problem, ich würde ihm nachher etwas zu Essen vorbei bringen, damit er übers Wochenende käme.

Nachdem Buttke seine Wohnungstür wieder geschlossen hatte, besprachen die Beamten und ich noch, wie es denn jetzt weitergehen würde. Ich würde ihm ja gern etwas zu Essen bringen, kein Problem, aber das sei ja kein Dauerzustand, Herr Buttke brauche Betreuung. Die Polizisten schätzten Buttkes Verfassung genauso ein und versicherten mir, dass sie die zuständige Stelle im Bezirksamt informieren würden, das könne aber dauern, bis die in Aktion treten würden. Verwandte oder Bekannte gebe es offenbar nicht, jedenfalls sei Buttke nicht bereit, irgendwelche Namen zu nennen, jeglicher Kontakt zu Familie, Bekannten oder Freunden sei abgebrochen.

Ein halbe Stunde später brachte ich Buttke eine Kiste Lebensmittel vorbei, von allem etwas, Brot, Kartoffeln, Butter, Obst, Käse und Frikadellen vom Vortag. Er ließ mich bereitwillig in seine Wohnung, die ich noch nie zuvor betreten hatte, um die Sachen in seine Küche zu bringen.

In seiner Wohnung war ungefähr seit 1980 die Zeit stehen geblieben, verrauchte braune Gardinen hingen vor den Fenstern, die Luft roch etwas abgestanden, weil er wahrscheinlich selten die Fenster öffnete, ein altes Sofa stand auf einem alten Teppich im Wohnzimmer, die Schlafzimmertür stand offen, die Bettdecke war zurückgeschlagen. Es war alles sehr ordentlich, nichts lag herum. Mein Blick fiel auf einen kleinen laufenden Fernseher auf einem kleinen hölzernen Fernsehtisch. “Der jehört Ihnen, wolln Se ihn wiederham?” fragte er mich. Ich erinnerte mich dunkel daran, dass ich den Tisch vor ungefähr 14 Jahren in den Kellervorraum gestellt hatte mit einem Zettel dran “zu verschenken”. Ich verneinte lächelnd und sah mich in der aufgeräumten und unbenutzten Küche um. Irgendein Vormieter hatte vor langer Zeit eine Art Laubengestell 2 x 2 m aus Holz mit Holzstreben als Dach um Herd und Spüle herum gebaut, um den großen Raum zu verkleinern und irgendwie gemütlicher zu machen.

Buttke bedankte sich nicht für die Lebensmittel, aber sagte mit einem scheuen Lächeln an seiner Wohnungstür: “Ick mach det irjendwann wieder jut, mit Schokolade oder so!” als ich wieder zurück in unsere Wohnung ging.

Küchennostalgie (3)

Gesa hat mich inspiriert mit ihren “Nostalgiebetten”, mich an die diversen Küchen zu erinnern, in denen ich gegessen, gekocht, gelebt habe.

Die dritte Küche meines Lebens befand sich im Erdgeschoss des Altenteilhauses meiner Großeltern mütterlicherseits in einer Kleinstadt unweit der Nordsee, dessen Obergeschoss meine Mutter, mein kleiner Bruder und ich nach der Trennung meiner Eltern 13 Jahre lang bewohnten. Die Küche lag an der dunklen Nordseite des Hauses, hatte eine hintere Tür zum Anbau, in dem sich ein großer Waschkessel, die Gartengeräte, eine Kohlen- und Brikettecke (später ein Öltank) und unsere Fahrräder befanden. Diesen Anbau nannten wir anfangs “den Stall” und später “die Garage”. Die vordere Tür ging zum Flur und somit war diese Küche ein Durchgangsraum, in dem gerade genug Platz war für einen Elektroherd, einen kleinen Kühlschrank, einen Küchenschrank mit Schiebetüren, ein Spülbecken und einen Küchentisch mit Resopalplatte und vier Stühlen am Fenster mit Blick auf das Nachbarhaus, in dem eine alte Dame mit ihrem Mann wohnte. Man konnte “Tante Mieke” zuwinken, wenn Sie aus ihrer Hintertür trat, um die Blumen und Tomaten an der Südwand ihres Hauses zu begießen. Manchmal winkte sie uns Kinder zu sich, um uns zu bitten, ihr eine Kleinigkeit vom Einkauf in der Stadt mitzubringen und schenkte uns danach jedes Mal eine Kleinigkeit, entweder einen Groschen oder etwas Schokolade.

Meine Oma verbrachte die Stunden des Vormittags hauptsächlich in dieser Küche, um unsere Mahlzeiten vorzubereiten und im Sommer das Obst und Gemüse aus ihrem großen Küchengarten einzuwecken. Meine Mutter nutze die Küche nur zum Kuchen Backen, denn sie ging tagsüber Arbeiten und überließ das Kochen weitgehend unserer Großmutter.

Die Küche war alles andere als gemütlich. Sie hatte einen beigefarbenen Terazzo-Steinboden und war meistens unbeheizt, die Raumluft war oft feucht vom Dampf nach dem Kochen oder beim Abwasch. Es roch nach einer Mischung aus ATA (Putzmittel aus den sechzigern, die Älteren werden sich erinnern), Essen und Spülmitteln, feuchtem Feudel und nassem Fahrtuch (leicht grauer Putzlappen aus Stoffresten von weißer Unterwäsche, Bakterienschleuder, meistens lange genutzt und Vorläufer der heutigen Mikrofaserwischtücher).

Der Platz am Küchentisch war beengt und so hielten wir uns mit dem Essen nie besonders lange auf. Eigentlich schade, denn meine Oma kochte gut und gab sich viel Mühe, abwechslungsreiche Kost auf den Tisch zu bringen. Es gab alles, von Eintöpfen über Fisch- und Fleischgerichte, Regionales wie Mehlbeutel oder Buttermilchsuppe mit Klößen, immer mit Kartoffeln und Gemüse aus dem Garten, immer mit süßem Nachtisch mit Früchten, Grießbrei oder Pudding. In unserer Küche stocherte ich meistens im Essen herum und aß meinen Teller nicht leer, mein Bruder verschlang die Mahlzeiten als erster, um schnell wieder spielen gehen zu können. Niemand kam auf die Idee, das Esszimmer schräg gegenüber der Küche als solches zu nutzen, stattdessen befanden sich darin die Wohnzimmermöbel meiner Mutter, die “gute Stube”, die nur für Ihre Kaffekränzchen und für Feiern zwei- bis dreimal im Jahr genutzt wurde.

Nur am Sonntag ließen wir uns mehr Zeit mit dem Mittagessen, wenn die Schüsseln auf dem Tablett ans Ende des langen Flurs ins Wohnzimmer meiner Großeltern getragen wurden und wir uns in der Essecke versammelten, in der auch Platz genug war für Gäste.

Bei den Küchenarbeiten musste ich meiner Großmutter als kleines Mädchen nur beim Abtrocknen helfen, da ich nach der Schule  mit den Hausaufgaben beschäftigt war. In späteren Jahren übernahm ich das tägliche Reinigen der Küche komplett und vertrieb sie aus der Küche, um ungestört zu sein und nicht das Gefühl zu haben, eine ihrer Küchenhilfen zu sein, die ihr in früheren Zeiten auf ihrem Bauernhof zur Hand gegangen waren. Oma brauchte ihren täglichen Mittagsschlaf nach der Gartenarbeit und dem Kochen und war froh, wenn ich ihr die anstrengenden Arbeiten im Haushalt abnahm. Auch die Reinigung des Flurs und der Fenster, das Staubwischen und Staubsaugen im Wohnzimmer kamen im Laufe der Jahre dazu. Besonders gern übernahm ich das Wäsche Aufhängen mit robusten Holzsteckklammern an der langen Wäscheleine, die draußen vom Stall bis zum hinteren Ende des großen Gartens gespannt war. Die windige Nordseeluft war so rein, dass man die getrocknete Bettwäsche und weißen Tischtücher danach auf dem Rasen in der Sonne zum Bleichen ausbreiten konnte.

Aus den Holzklammern bastelte ich einmal einige kleine Puppen für ein kleines Theater, bemalte die Köpfe, klebte ihnen Haare aus Wollfäden auf und fertigte aus Stoffresten winzige Kleidungsstücke . Das Ensemble bestand aus einem König, einer Prinzessin und einem Kasper. Aus einem Schuhkarton bastelte ich die Bühne, stellte ihn hochkant auf, schnitt ein Fester aus mit zwei Vorhängen rechts und links und fertigte aus Pappe ein zweidimensionales, blaues Bett für den König  und eine Kutsche als einzige Requisiten.

Ich spielte immer das gleiche Stück mit verschiedenen Stimmen für meinen kleinen Cousin, wenn er bei uns zu Besuch kam: König liegt im Bett und schnarcht laut. Kapser kommt hereingerannt und ruft laut “Herr König, Herr König, Aufwachen! Die Räuber haben die Prinzessin entführt!” König wacht aus dem Tiefschlaf auf mit einem finalen Scharcher: “was?” “wo?” “wie?” “was ist passiert?” (an dieser Stelle musste mein kleiner Zuschauer sich immer schlapp lachen). König und Kasper setzen sich in die Kutsche und nehmen die Verfolgung auf. Das Pferdegetrappel verhallt im Hindergrund. Dann hört man wilde Geräusche aus dem Wald, die Prinzessin wird gerettet, taucht vorn am Bühnenrand auf und zum Schluss heiratet sie den Kasper. Ein 3 1/2 Minuten-Stück, ich brauchte mir vorerst nichts anderes einfallen zu lassen und konnte es ständig wiederholen, wobei ich mich selbst vor Lachen kaum halten konnte.

Unser Opa bekam nicht nur auf dem Bauernhof, den er inzwischen seinem Sohn übergeben hatte, sondern auch abends zuhause sein Essen an seinem Platz im Wohnzimmer auf dem Sofa extra mit einem Tablett serviert. Morgens brachte Großmutter ihm sein Frühstück sogar ans Bett. Ich fand das nicht merkwürdig, denn in der Küche war ja nicht genug Platz für ihn, wenn wir zu viert um den Tisch saßen, Großmutter, Mutter und wir zwei Kinder. Und er empfand es als Privileg und schien unsere Gesellschaft nicht zu vermissen (wir seine auch nicht). Er hörte gern Radio beim Essen und später ließ er dabei den Fernseher in gewünschter Lautstärke laufen, ohne von uns Kindern durch unser Geplapper bei den Abendnachrichten gestört zu werden.

Montags war Waschtag. Zu Anfang der 60er Jahre hatten wir noch keine Waschmaschine und Mutter kochte die Weißwäsche im beheizten Waschkessel “im Stall” hinter der Küche. Mit einem riesigen Holzlöffel fischte sie die nasse Wäsche dann aus dem sehr heißen Seifenwasser und füllte sie in einen danebenstehenden großen Wasserbehälter zum Spülen. Nach mehreren Spülgängen drehte sie die großen Stücke per Hand durch eine Holzmangel mit gusseiserner Kurbel, um das Wasser herauszupressen. Kleinere Kleidungsstücke schrubbte sie mit der Hand auf einem Waschbrett. An diesem Tag durfte man sie nicht ansprechen, sie war gereizt und schwer beschäftigt und nach getaner Arbeit jedesmal völlig erschöpft.

Nach einigen Jahren bekamen wir endlich eine große Bauknecht Waschmaschine mit Bullauge, die in der Küche zwischen dem Kühlschrank und dem Spülbecken aufgestellt wurde. Anfangs saß ich manchmal fasziniert vor dem Sichtfenster und schaute zu, wie die Wäsche hin- und hergedreht wurde und dabei tatsächlich sauber wurde. Das Brummen des Motors und rhythmische Klicken von Metallknöpfen gegen die Scheibe klang wie Musik und ich konnte verträumt meinen Gedanken nachhängen. Neben mir saß manchmal unser grauer Kater und schaute ebenfalls interessiert zu.

Unser Kater Louis hatte ein schönes Leben, er durfte jederzeit nach draußen und sein Revier gegen die Nachbarskatzen verteidigen, auf Mäusefang gehen und wieder hereinkommen, wenn ihm danach war. Er kratzte dann mit seinen Krallen von außen am Küchenfenster und maunzte erbärmlich. Er durfte ins Wohnzimmer und saß abends auf seinem Lieblingsplatz auf einem Lehnstuhl, lag auf meinem Schoß oder schärfte sich die Krallen an einem der Sessel. Wenn Lebensmittel auf dem Küchentisch standen, musste man allerdings aufpassen, eine Minute unbeobachtet und er sprang mit einem Satz auf den Tisch, um sich etwas zu holen. Wenn man dann laut schimpfte, legte er die Ohren an und sprang schuldbewusst wieder herunter. Besonders gern legte er sich auf den Schoß von Gästen, die keine Katzen mochten, und manchmal fing er dann sogar genüsslich an zu schnurren.

Louis hatte keinen leichten Stand gegen die Nachbarskater, weil er von kleiner Statur war und seine Konkurrenten, die Herren Tigerkater, alle viel größer waren als er. An einem Wintertag saß er nach einem Kampf verletzt und über und über mit pechschwarzem Matsch von einer nahen Kuhweide überzogen verzweifelt vor der Hintertür der Küche und versuchte vergeblich, sich den Dreck abzulecken. Meine Großmutter fackelte nicht lange, füllte einen Zinkeimer auf dem Küchenboden mit lauwarmem Wasser und Spülmittel, packte den Kater an einem Vorderbein, steckte ihn bis zum Hals ins Wasser und schrubbte ihn mit einer Bürste sauber. Danach übernahm ich ihn, trocknete den kleinen zitternden Burschen mit einem Handtuch und föhnte ihn gegen seinen Willen trocken. Er lag danach tagelang vor dem Ofen im Wohnzimmer und erholte sich, seine vom Krallennahkampf blutenden Wunden  an seinen Ohren heilten sehr langsam.

Ich war 11 Jahre alt, als ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Ei in der Küche kochte. Großvater hatte mich gebeten, ihm ein gekochtes weiches Ei mit einer Scheibe Brot zu bringen, weil niemand sonst im Haus war, und ein Mann kochte damals nicht, unter keinen Umständen! Bis dahin hatte ich meiner Großmutter manchmal dabei geholfen, Schnittchen zu machen und zu dekorieren, wenn sie ein Kaffeekränzchen zu Besuch hatte, aber etwas gekocht hatte ich noch nie. Ich legte ein Ei in ein Blechgefäß mit kaltem Wasser, steckte den elektrischen Tauchsieder dazu und wartete exakt 5 1/2 Minuten, wie Opa gesagt hatte. Stolz brachte ich meinem Großvater das Ei im Eierbecher, daneben auf einem Teller eine Scheibe Brot mit Butter und ein Messer, weil Opa immer die Eier “köpfte” und nicht dezent mit einem Eierlöffel auf die Schale klopfte. Gespannt sah ich zu, wie er mit dem Messer versuchte das Ei zu köpfen….platsch – und der rohe Inhalt ergoss sich über das Tablett. Ich versicherte meinem Großvater, dass ich es wirklich 5 1/2 Minuten gekocht hätte. Er schimpfte nicht, lachte aber auch nicht, sondern seufzte nur enttäuscht.

Meine Mutter konnte sehr gut backen, das hatte sie als junges Mädchen in einer Haushaltungsschule für Landfrauen gelernt. Ich konnte ihr dabei zusehen, wenn sie manchmal in der Küche Bisquitteig für eine Torte zubereitete oder Mürbeteig für Obstkuchen. Sie backte selten nach Rezept, sondern hatte das Mischungsverhältnis im Gefühl. Spannend war immer das zweimalige Durchschneiden des Bisquitbodens, was ihr meistens gelang, obwohl sie immer davon ausging, das nicht hinzubekommen und überhaupt eigentlich gar nicht gut backen zu können. Ich durfte dann die Sahne für die Füllung mit einem Mixer schlagen und das Gefäß ausschlecken.

Großmutter weckte in unserer Küche im Sommer kiloweise Senfgurken, grüne Bohnen, Erbsen und Wurzeln aus unserem Garten ein, kochte Johannisbeersaft in einem großen Saftkocher und bereitete Kompotts und Grützen aus Kirschen, Pflaumen, Birnen, Äpfeln, Stachelbeeren zu. In der Erdbeerzeit aßen wir jeden Tag frische Beeren und den ganzen Winter über gab es selbstgekochte Erdbeermarmelade im Haus. Der Einkauf in der Stadt beschränke sich daher auf Brot, Käse, Fleisch und Wurst sowie einige Grundnahrungsmittel, die man nur beim “Kaufmann” bekam. Die Milch brachte Großvater abends direkt in einer Blechkanne vom Hof mit. Wir Kinder wurden mit einem Einkaufszettel zu den Läden geschickt, in denen meine Großeltern Stammkunden waren und alles in einem “Kontobuch” eingetragen wurde, die Überweisung erfolgte einmal im Monat.

Unser Küche war ein Arbeits-, kein Aufenthaltsraum, gemütlich war es nur in unseren Wohnzimmern, unten bei den Großeltern oder oben in dem Raum,  in dem wir Hausaufgaben machten und Mutter Radio hörte und bügelte, weil diese Räume beheizt waren und die Wärme der Kohle- und später Ölöfen besonders angenehm war.

Meine letzte Erinnerung an unsere Küche ist eine Schilderung meines Bruders. Eines Tages im Sommer – Großmutter, Mutter und ich waren nicht zuhause – fand mein Bruder unseren Großvater tot auf dem Boden der Küche liegend, nachdem er die Hintertür geöffnet hatte, um das Haus zu betreten. Er war blau angelaufen und einem Herzinfarkt erlegen. Ich war froh, dass mir dieser Anblick erspart blieb.

Großmutter veränderte sich stark nach dem Tod ihres Mannes, ihre Fröhlichkeit verschwand für immer, sie wurde blasser und zusehens dünner, litt an Krebs und verstarb knapp ein Jahr später, nachdem eine Tante und ich sie einen Monat lang zuhause gepflegt hatten. Mit Großmutters Tod war meine Kindheit beendet. Seit dem Sommer hatte ich mein Abiturzeugnis in der Tasche und mein Leben als Studentin in der Großstadt konnte beginnen.